09.05.20226min

Werner Otto: Ehrgeizig, Prinzipientreu, Menschlich

Werner Otto: Ehrgeizig, Prinzipientreu, Menschlich
Werner Otto: Ehrgeizig, Prinzipientreu, Menschlich

Die Werte der Otto Group, ihr Innovationsgeist, ihre Kundenorientierung gehen auf eine Person zurück. Der Geist Werner Ottos, des Gründers, ist im unternehmerischen Handeln und im Betriebsklima bis heute lebendig.

Für die Gebühr von einer Mark meldete Werner Otto am 17. August 1949 – vier Tage nach seinem 40. Geburtstag – bei der Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr den „Werner Otto Versandhandel“ an. Die Firmengebäude waren einige Baracken in Hamburg Schnelsen, das Geschäftsmodell bestand zunächst darin, dass in der Pfalz gefertigte Schuhe von Vertreter*innen vertrieben wurden. Die Schuhe fanden reißenden Absatz, schon im folgenden Jahr setzte Otto auf eine Erweiterung des Absatzmarktes: Der erste OTTO-Katalog erschien. Es war der Grundstein des enormen Geschäftserfolgs in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Schon 1952 verzeichnete der OTTO Versand seine erste Umsatzmillion. Und steil sollte es weitergehen.

Aufbau von Null an

Der Mann hinter diesem gewaltigen Erfolg, Werner Otto, war ein geborener Kaufmann. Er arbeitete schon im Gemischtwarenhandels seines Vaters im brandenburgischen Prenzlau. Früh fiel sein Verstand für Zahlen und Rechnungen auf. Aber Otto gehörte nicht zu jenen Wirtschaftsmagnaten der Nachkriegszeit, denen der Erfolg in die Wiege gelegt war. Sein Vater musste sein Geschäft in den Wirren der Weimarer Republik schließen, auch Werner Otto hatte mehrere wirtschaftliche Misserfolge hinter sich, ehe er es noch einmal versuchte – und mit dem Versandhandel alles richtig machte. Den baute er von Null auf. Ohne Erbe, dafür mit viel Fleiß, mit Innovationsgeist und mit einem besonderen Sinn für das, was viel später einmal „Unternehmenskultur“ heißen sollte.

Sinn für die Unternehmens­kultur

Er erkannte frühzeitig die Bedeutung von Unternehmenskultur und Betriebsklima: Werner Otto im Kreise von Mitarbeitenden im Jahr 1954.
Er erkannte frühzeitig die Bedeutung von Unternehmenskultur und Betriebsklima: Werner Otto im Kreise von Mitarbeitenden im Jahr 1954.

Werner Otto verstand sich stets weniger als Chef denn als Teil eines Teams. Schon als die ersten Kataloge zusammengestellt wurden, klebte er Fotos mit ein. Ein kollegiales und freundschaftliches Betriebsklima ging ihm über alles. In strengen Wintern wurde gern ein Grog ausgeschenkt – „für die Gesundheit“ (es waren die 1950er). 1956 führte er die Fünf-Tage-Woche als Norm im Unternehmen ein. Und in den frühen 1960ern – also lange bevor „Onboarding“, das freundliche Willkommenheißen im Unternehmen, Standard wurde – begrüßte Werner Otto neue Mitarbeitende mit einer sehr herzlich gestalteten Broschüre: „Auf gute Zusammenarbeit“. Führungskräfte ermahnte er, sie sollten die „Abteilungsangehörigen fachlich anleiten und über Zweck und Bedeutung der gestellten Aufgaben unterrichten“. Auf bloßen Gehorsam, auf stures Abarbeiten legte Otto keinen Wert. Er wusste, und war auch damit seiner Zeit weit voraus, dass Menschen dann am produktivsten sind, wenn sie ihre Tätigkeit als sinnvoll empfinden, wenn sie eigene Ideen einbringen können und das Gefühl haben, dass ihre Stimme gehört und geschätzt wird. Über allem stand der Gedanken: Die Wirtschaft ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für die Wirtschaft.

Flexibel bleiben

Vor allem aber verstand Werner Otto von Anfang an, dass ein Konzern nur dann erfolgreich sein kann, wenn er flexibel ist und bleibt, wenn er sich den ständig ändernden Anforderungen des Wirtschaftslebens anpasst. Sein persönliches Motto hieß „Panta rhei“ – „Alles fließt“. Frühzeitig setzte man bei OTTO auf technische Neuerungen, um bei ständig wachsendem Umsatz die Datenflut bewältigen zu können. Denn Otto wusste, dass man sich unter strengen Konkurrenzbedingungen nur dann bewähren kann, wenn man Kund*innen mit einem Maximum an Service, Schnelligkeit und Verbindlichkeit überzeugen kann. So führte OTTO die Bezahlung per Rechnung als erster Versandhandel in Deutschland bereits 1950 ein. Schon 1955 wurde ein Lochkartensystem zur Datenspeicherung eingeführt. 1960 wurde die erste elektronische, damals hochmoderne Datenverarbeitungsanlage mit dem zugegeben sperrigen Titel UNIVAC UCT eingeführt. Die gesamte Auftragsabwicklung wird seither elektronisch prozessiert – natürlich nicht mehr mit dem ursprünglichen System, sondern mit zeitgenössischen Lösungen. Ab 1962 konnten Kund*innen telefonisch bestellen – ein Weg, der später mit dem konsequenten und mutigen Ausbau des E-Commerce weiter beschritten wurde.

1965 stellte Werner Otto erneut seinen Gründergeist unter Beweis und gründete – operativ und personell völlig unabhängig von OTTO – die ECE Projektmanagement GmbH, eine Entwicklungs-, Bauträger- und Managementgesellschaft für Einkaufscenter in Europa. Auch OTTO entwickelte sich weiter – zu einer Holding, der später und bis heute so genannten Otto Group. Im Laufe der mehr als 60-jährigen Konzerngeschichte wurde das Unternehmen zur größten Versandhandelsgruppe der Welt. Mit 30 wesentlichen Unternehmensgruppen ist die Otto Group vornehmlich in den drei Wirtschaftsräumen Deutschland, übriges Europa sowie USA präsent und zählt damit zu den expansivsten und innovativsten Unternehmensgruppen der Branche. Werner Otto vermied bei all dem den Kardinalfehler vieler Gründer*innen, sich auf Dauer im Tagesgeschäft für unentbehrlich zu halten. Stattdessen legte er größten Wert auf den Aufbau hochqualifizierter Führungsteams, die in der Lage waren, weitgehend selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln. 1981 übergab Werner Otto den Vorstandsvorsitz an seinen Sohn Dr. Michael Otto, der nach einer Lehre bei einer Bank und dem Studium der Volkswirtschaft seit 1971 im Konzern arbeitete und seitdem die Internationalisierung wesentlich vorangetrieben hat.

Dankbarkeit und Gemeinsinn

Werner Otto im November 1997 vor seiner wieder entstandenen Taufkirche. Er hatte das Geld für den Wiederaufbau gestiftet.
Werner Otto im November 1997 vor seiner wieder entstandenen Taufkirche. Er hatte das Geld für den Wiederaufbau gestiftet.

Werner Ottos Geist, seine Ideen und Visionen bestimmten aber weiterhin die Geschicke der Otto Group. Zwar war der Visionär innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands geworden. Diesen Erfolg aber nahm er immer mit einer gewissen Demut zur Kenntnis, es hätte ihm ferngelegen, sich als ökonomischen Helden zu stilisieren. Stattdessen sprach er viel von dem Glück, das ihm beschert war, und von den außerordentlichen Leistungen seiner Mitarbeitenden. Und er hatte früh das Bedürfnis, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Aus dieser Motivation heraus gründete er 1969 die Werner Otto Stiftung. Ihr Zweck ist die finanzielle Förderung medizinischer Forschungsprojekte an Hamburger Krankenhäusern. Davon profitieren auch das Werner Otto Institut, das sich seit 1974 der Früherkennung und Behandlung Kinder und Jugendlicher mit Entwicklungsstörungen widmet, und das wissenschaftliche Behandlungszentrum für Krebskrankheiten im Kindesalter am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Otto engagierte sich darüber hinaus auch für den Wiederaufbau und die Renovierung von Kirchen und anderen Gebäuden, die durch den Krieg zerstört worden waren. Vor allem aber hatte er frühzeitig einen Sinn für die Notwendigkeit von Umweltschutz – auch hier war er seiner Zeit voraus. Seinen Sohn Dr. Michael Otto bekräftigte und unterstützte er mit allen Kräften, als dieser sich daran machte, ab den 1980ern aktiven Umweltschutz im operativen Geschäft der Otto Group zu verankern.

Bewundert als Unternehmer, geliebt als Mensch

Geschätzt auch in der Politik: Otto (hier mit Altkanzlerin Angela Merkel) erhielt 2002 den Preis für „Soziale Marktwirtschaft “ der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Geschätzt auch in der Politik: Otto (hier mit Altkanzlerin Angela Merkel) erhielt 2002 den Preis für „Soziale Marktwirtschaft “ der Konrad-Adenauer-Stiftung.

2011 starb Werner Otto im Alter von 102 Jahren in Berlin. Otto war nicht nur geliebter Familienmensch und geachteter Chef. Er und sein Werk wurden schon zu seinen Lebzeiten mit unzähligen Ehrungen bedacht. Otto erhielt das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, die Ehrendenkmünze in Gold sowie die Bürgermeister-Stolten-Medaille des Hamburger Senates und den Ehrentitel Professor der Freien und Hansestadt Hamburg, die Ernst-Reuter-Plakette des Senates Berlin sowie den Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung für „Soziale Marktwirtschaft“ für sein unternehmerisches Handeln. Sein Freund, Altbundeskanzler Helmut Schmidt, brachte Ottos Andenken so auf den Punkt: „Werner Otto bündelt in seiner Person die hellen Seiten der jüngeren deutschen Geschichte. Ein großer Geschäftsmann, aber eben auch ein Mann mit politischem Verstand und mit Pflichtgefühl für die res publica.“


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