22.11.20225min

Reimagining Good Corporate Citizenship 2035

Reimagining Good Corporate Citizenship 2035
Reimagining Good Corporate Citizenship 2035

Wir werden die Herausforderung der Zukunft nur meistern, wenn wir über die Wirtschaft hinaus in den Schulterschluss mit anderen Akteuren gehen.“ 

Alexander Birken

Um den menschengemachten Klimawandel zu stoppen, kann die soziale und ökologische Transformation unserer Lebens- und Wirtschaftsweise beitragen. Unternehmen spielen dabei mit ihren Innovationen und ihrem Engagement eine entscheidende Rolle. Wie verantwortungsvolles Unternehmerhandeln heute und in 10 Jahren aussieht, hat das gemeinnützige Analyse- & Beratungshaus PHINEO Alexander Birken, CEO der Otto Group, gefragt.

Jennifer Hansen, Phineo: Was wird es im Jahr 2035 bedeuten, ein sogenannter Good Corporate Citizen zu sein?
Alexander Birken: Ich glaube, dass es kaum noch Unternehmen geben wird, die erfolgreich tätig sein können, wenn sie Good Corporate Citizenship nicht leben. In den letzten zwei bis drei Jahren sind die Themen ethischer Konsum und Werteorientierung im Mainstream angelangt. Noch wird vielleicht nicht überall so konsequent danach gehandelt, auch bei Konsument*innen nicht, doch das wird sich ändern. Im Jahr 2035 wird ein Unternehmen, das soziale, gesellschaftliche und ökologische Verantwortung nicht wirklich entschlossen lebt, gar keine license to operate mehr haben. Statt über Nachhaltigkeit oder Kreislaufwirtschaft zu diskutieren, werden wir uns fragen: Wie schaffen wir wirklich die großen Veränderungen über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus? Dazu brauchen wir übergreifende Allianzen, um das Thema Nachhaltigkeit wirklich voranzubringen.

Wird sich 2035 die Grenze zwischen profitorientiertem Kerngeschäft, ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung verschoben haben?
Die Frage suggeriert, dass es getrennte Bereiche sind, die man irgendwie miteinander zu verbinden versucht. Bei der Otto Gruppe wurde das Thema Nachhaltigkeit schon vor meiner Zeit, nämlich Mitte der 80er-Jahre, als strategisches Kernziel definiert. Seitdem ist es Teil unseres Tagesgeschäfts. Natürlich wollen wir mehr Marktanteile gewinnen und gute Profite machen. Aber nicht, ohne Nachhaltigkeitsziele zu berücksichtigen. Das heißt für uns, wir optimieren nicht nur unseren Umsatz, sondern wir optimieren mehrere Zielgrößen.

Wenn im Jahr 2035 Nachhaltigkeit bei mehr Unternehmen ein wirklich integraler Bestandteil sein wird: Wie wird sich das ganz konkret im Handeln von Unternehmen ausdrücken?
Die Geschäftsentwicklung wird untrennbar mit der Nachhaltigkeitsperformance verbunden sein. Wir werden im Jahr 2035 in jeder Vorstandssitzung genauso intensiv über Umsatzentwicklung von Geschäften in unterschiedlichen Märkten reden wie über die Nachhaltigkeitsziele, soziales Engagement und das bessere Sichern von Arbeitsplätzen. Wir werden die ökologischen Ziele genauso stringent messen wie Umsatzentwicklung. Nicht nur Management und Führungskräfte werden sich damit beschäftigen, sondern die gesamte Organisation.

Was genau ist die Aufgabe der aktuellen Verantwortlichen für den Bereich Nachhaltigkeit oder CSR, um die Transformation zu mehr ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit gut zu gestalten?
Natürlich liegt nahe, dass sie Sorge tragen, dass Ressourcen und Budgets zur Verfügung gestellt werden. Weil, sorry, es gibt keine Klimaneutralität umsonst. Damit sind Kosten verbunden. Neben dieser typischen Managementantwort können sie meiner Meinung nach aber auch ganz viel in Sachen Partizipation bewegen. Sie können Mitarbeitende animieren, innovative Vorschläge für mehr Engagement zu machen. Oft stecken unglaublich viel Kraft und Ideen in der Organisation. CRS-Verantwortliche können so die Identifikation mit dem Thema stärken. Wir haben beispielsweise angefangen, unser gesamtes Ausbildungsprogramm komplett zu überarbeiten und immer mehr zum Thema Nachhaltigkeit in die Lernpfade einzuspeisen, weil wir gemerkt haben, auch dort fehlt es an vielen Stellen einfach an Wissen.

Welche Rollen werden Unternehmensstiftungen in der von Ihnen skizzierten Zukunft spielen?
Bei der Otto Group haben wir viele Thematiken, die aus der Organisation entstehen und Stiftungen, die Prof. Dr. Michael Otto initiiert hat. So zum Beispiel die Stiftung KlimaWirtschaft, die keine Otto-Group-Initiative ist, sondern etwas Separates, wodurch sich viele andere Unternehmen einbringen konnten. Doch unsere Bündnisse müssen noch weiter reichen. Wir werden die Herausforderung der Zukunft nur meistern, wenn wir über die Wirtschaft hinaus in den Schulterschluss gehen mit anderen Akteuren. Ich denke da besonders an Politik, NGOs, Gewerkschaften, Kirchen und weitere gesellschaftliche Vertreter*innen.

Es braucht also einen Schulterschluss vieler Akteur*innen, um die Herausforderungen meistern zu können. Blicken wir darum auch einmal auf die Politik: Was kann sie für die Transformation tun?
Wir brauchen verlässliche politische Rahmenbedingungen bei Investitionsförderung, aber auch bei Fragen, wie wir über Nachhaltigkeit Bericht erstatten. Es gibt natürlich ESG-Formate und Ähnliches, aber beispielsweise die Taxonomie steht noch nicht. Außerdem wird es höchste Zeit für einen Masterplan, der nicht nur für eine Legislaturperiode gilt. Als nächsten Schritt müssen wir die Zielkonflikte zwischen Bundes- und Landesebene auflösen. Es gibt in einzelnen Bundesländern momentan immer wieder partielle Interessen, die sich gegenseitig und dem Gesamtziel widersprechen. Und es braucht langfristige Investition beispielsweise in regenerierbare Energien oder in Stromleitungen, damit wir auf Dauer in Deutschland und hoffentlich auch in ganz Europa nur noch regenerative Energien einsetzen – dann hoffentlich ohne Atomstrom.

Wenn wir nun beide aus dem Jahr 2035, aus der von Ihnen beschriebenen Zukunft, zurückblicken in das Jahr 2022: Was werden die wichtigsten Schritte dorthin gewesen sein?
Wir brauchen ständige Präsenz von Nachhaltigkeitsthemen, beginnend bei guter Bildung, angefangen im Kindergarten bis zu ständiger Weiterbildung im Erwachsenenalter. Wir brauchen eine gewisse Emotionalisierung, beispielsweise wie durch Fridays for Future. Außerdem müssen wir ehrlich sein, sobald einschneidende Veränderungen passieren. Wenn etwas abgeschafft wird, wie zum Beispiel die Braunkohleförderung, dann entsteht die Frage: Wie gehe ich mit den Menschen dort und ihren Arbeitsplätzen um? Unsicherheit und Ängste dürfen wir nicht kleinreden. Und von all diesen Punkten abgesehen müssen wir Geduld üben und akzeptieren, dass es bei Transformationen keine einfachen Antworten gibt.

Das Interview ist Teil der Publikation „Reimagining Corporate Citizenship – Unternehmen als Mitgestalter*innen sozial-ökologischer Transformation“ des gemeinnützigen Beratungshauses PHINEO und erschien im September 2022.  Die gesamte Publikation kannst Du hier lesen.


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