30.05.20224min

Umwelt- und Klimaschutz: Nachhaltige Möbel aus dem Moor

Umwelt- und Klimaschutz: Nachhaltige Möbel aus dem Moor

Höhere Kosten für Holz, Material- und Lieferengpässe – viel ist derzeit von der „Holzflation“ zu lesen, die perspektivisch zu höheren Möbelpreisen führen könnte. Eine Herausforderung nicht nur für Verbraucher*innen und Unternehmen, sondern auch für den Umwelt- und Klimaschutz. Eine Alternative wächst möglicherweise auf dem feuchten Boden europäischer Moore: Gräser, Schilf und Rohr lassen sich zu Faserplatten verarbeiten, die kreislauffähige Möbel möglich machen.

Moorlandschaft

Nur etwa dreizehn Prozent der Waldflächen in Deutschland sind FSC®-zertifiziert – ein anspruchsvoller und etablierter Nachhaltigkeitsstandard für Holz aus verantwortungsvoller Waldbewirtschaftung. Die Otto Group hat sich im Rahmen ihrer CR-Strategie das ambitionierte Ziel gesetzt, bis 2025 nur noch Möbel aus nachhaltig zertifiziertem Holz anzubieten. Als Unternehmensgruppe beziehen wir Möbel sowohl aus Deutschland und Europa als auch aus außerhalb von Europa. Ein kompletter Import aus nicht-europäischen Ländern ist aufgrund der negativen CO₂-Bilanz keine Option. Hinzu kommt: Die FSC-Zertifizierung ist nur ein Schritt auf dem Weg zu nachhaltigen Möbeln. Kreislauffähig sind bislang die wenigsten – problematische Chemikalien oder andere eingesetzte Materialien können eine spätere Wiederverwendung des Holzes erschweren oder gar verhindern. Eine Alternative könnten Materialien aus Paludikultur sein, also der nachhaltigen landwirtschaftlichen Nutzung von Mooren.

Um das besser zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf Moore und ihre Bedeutung für das Klima: Global betrachtet machen Moore zwar nur drei Prozent der Landfläche der Erde aus, doch sie speichern rund 30 Prozent des erdgebundenen Kohlenstoffs und damit doppelt so viel Kohlenstoff wie die gesamte Biomasse aller Wälder der Erde. Dieser wird freigesetzt, wenn Moore zur Torfgewinnung trockengelegt werden. Mit jährlich zwei Gigatonnen CO₂ sind sie für fast fünf Prozent der weltweit vom Menschen verursachten CO₂-Emissionen verantwortlich. Gleichzeitig bieten intakte Moore einzigartige Lebensräume für Pflanzen- und Tierarten und tragen so zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Deshalb haben die Umweltstiftung Michael Otto und die Succow Stiftung, Partner im Greifswald Moor Centrum, die Initiative toMOORow ins Leben gerufen, die von der Otto Group unterstützt wird. Ihr Ziel ist es, Moore wieder in ihren nassen Zustand zu versetzen. Denn nur wiedervernässte Moore kommen für eine nachhaltige Bewirtschaftung in Frage. Weniger als 10 Prozent der ursprünglichen Moorflächen in Deutschland befinden sich noch in einem intakten Zustand. Diese Moore sollen bestmöglich geschützt werden. Die über 90 Prozent trockengelegten Moore jedoch könnten nach und nach vernässt werden. Dadurch senken sich die CO₂-Emissionen nicht nur, im Gegenteil: Die wiedervernässten Moore würden sogar Kohlendioxid speichern – und können bewirtschaftet werden. Möglichkeiten der schonenden Ernte – Fahrzeuge mit besonders breiten Reifen, die weniger Druck auf den Boden ausüben als konventionelles Gerät – gibt es längst, das Konzept ist ausgereift und wartet nur auf die Umsetzung in Deutschland.

Ein Haus aus Schilf, Rohr und Reet

Das Greifswald Moor Centrum widmet sich seit vielen Jahren der Erforschung von Paludikultur. Gemeinsam mit verschiedenen Partnern pilotiert es die Nutzung von Schilf, Rohr & Co. beispielsweise für die Dämmung von Gebäuden und die Herstellung von Möbeln. Die nachwachsenden Rohstoffe können dabei so schonend geerntet werden, dass eine nachhaltige Bewirtschaftung der Moorflächen möglich ist, ohne dass diese sensiblen Biotope dabei Schaden nehmen. Gleiches gilt für das Holz der Erle – ein Baum, der hervorragend an das feuchte Biotop angepasst ist. Noch ist das schöne und edle Erlenholz im Haus- und Möbelbau eher die Ausnahme. Mit steigendem Angebot könnte sich das bald ändern. Welches Potenzial Paludikultur in der Praxis bietet, zeigt das Unternehmen „Moore and more“ mit dem Tiny Moor House, das 2021 gemeinsam mit dem Greifswald Moor Centrum auf Roadshow in Norddeutschland war:

Das Tiny House enthält Dämm- und Baumaterialien sowie eine Inneneinrichtung aus nachwachsenden und CO₂-speichernden Rohstoffen vor allem aus Paludikultur:

  • Die Dämmung des Hauses besteht aus Platten aus Schilfrohr, Rohrkolben und Nasswiesengräsern,
  • Schilfrohr wurde in Teilen zur Bedachung genutzt,
  • Erlenholz wurde für die Innenwände und die Küchenarbeitsplatte verwendet. Erlen können besser als jede andere einheimische Baumart aufgrund ihrer besonderen Anpassung auf dauerhaften nassen Standorten wie dem Moor wachsen.
  • Aus Feuchtwiesengräsern hergestellte Möbelplatten wurden für den Bau eines Kleiderschrank-Treppenraums im Haus genutzt.
Moor
Tiny House
© Torsten Galke, Moor and more

Grasfaserplatte als Alternative zur Spanholzplatte

Im Kontext der Holzflation sind besonders die Platten aus Feuchtwiesengräsern und Rohrkolben spannend, da sie als Alternative zu klassischen Spanholzplatten im Möbelbau dienen können. Hergestellt werden die Platten ohne synthetische Klebstoffe und zusätzliche Bindemittel. Das Patent dafür hat das Unternehmen Zelfo Technology aus Brandenburg entwickelt. Das eigens entwickelte Verfahren erlaubt es auch, Mischabfälle für die Herstellung der Faserplatten zu nutzen, beispielsweise Altpapier, das mit Kunststoffen verunreinigt ist.

Damit böte Paludikultur also nicht nur die Möglichkeit, Holzlieferengpässen zu überbrücken, sondern auch eine Kreislaufwirtschaft für Möbel aufzubauen – aus alten Fasern könnten wieder neue Platten und damit neue Einrichtungsgegenstände entstehen. Noch ist das Zukunftsmusik, doch das Potenzial von nachhaltigen Möbeln aus dem Moor ist groß. Das hätte viele Nutznießer: Möbelhersteller, Landwirt*innen, Kund*innen – und letztlich auch unser Planet. Denn um bewirtschaftet zu werden, müssen Moore intakt sein. Und je mehr intakte Moorflächen es gibt, desto mehr CO₂ wird gebunden.


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