Life Hamburg - Lernen noch einmal neu erfinden

22.07.2019 | Hamburg

Benjamin Otto und seine Frau Janina Lin planen mit „Life Hamburg“ den Bau eines neuartigen Gebäudes für generationsübergreifendes Lernen, Arbeiten und Well-Being nahe dem Otto Group Campus in Hamburg. Inspiriert wurden beide von der internationalen Initiative „Learnlife“; das Konzept greift aber noch viel weiter, wie beide im Interview erläutern.


Lieber Benjamin, liebe Janina Lin, Ihr habt angekündigt, euch mit eurer Stiftung Holistic Foundation sozial stark zu engagieren. Ist „Stiften“ für dich, Benjamin, eigentlich Teil des „Gen-Codes“ der Familie Otto oder liegt hier eher eine intrinsische Motivation zu Grunde?

Benjamin Otto: Ich würde sagen, beides. Zum einen lebe ich nach den mir von meiner Familie mitgegebenen Werten und möchte – wie schon mein Großvater und mein Vater – der Gesellschaft etwas zurückgeben, das nachhaltig Wirkung erzeugt. Zum anderen ist es mir aber auch wichtig, meinen Überzeugungen nachzugehen und mich mit meinen eigenen Ideen für eine bessere Welt einbringen zu können. Die kann ich gemeinsam mit meiner Frau in Konzepten, die auf das Lernen und Arbeiten der Zukunft und auf die Verbesserung der Gesundheit einzahlen, am besten verwirklichen.

Was treibt euch eigentlich um, gleich einen so weltumspannenden Ansatz zu wählen?

Janina Lin Otto: Durch unsere Firmen und durch die Geburt unseres Kindes hat sich unser Blick auf die Welt geschärft. Wir erleben derzeit enorme Umbrüche und Ungleichgewichte - beim Klima, bei der Ernährung, zwischen den Gesellschaften, um nur einige zu nennen. All das ist von Menschen gemacht und kann auch von Menschen beseitigt werden. Wir sind das Problem, aber zugleich die Lösung. Wir glauben, dass der Blick auf den eigenen Vorteil dem Wunsch, die Gemeinschaft zu stärken, weichen sollte. Wenn wir lernen loszulassen und das gemeinschaftliche Bewusstsein stärken sowie dankbar sind für alles, was wir haben - also Gesundheit, Freiheit, liebe Menschen um uns herum, gute Nahrung, tolle Natur und so weiter - ändert sich unsere Lebenseinstellung. Benjamin und ich wollen mit der Holistic Foundation praktische Anregungen geben, gemeinsam mit vielen anderen etwas zum Positiven zu verändern. Die Gemeinschaft steht dabei im Mittelpunkt.

Ihr habt euch in diesem Frühjahr mit einer großen Summe an einem Projekt namens „Learnlife“ beteiligt. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Benjamin: Wir hatten die Idee, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben soll, sich selbst besser kennenzulernen und in seinen Stärken gefördert wird. Das beginnt bereits im Schulalter. Konventionelle Schulformen passen heute einfach nicht mehr, um junge Menschen auf die digitale Welt von morgen, eine Welt permanenter Veränderung, vorzubereiten. Als Eltern fühlt sich das nicht gut an. Deshalb muss hier etwas getan werden, damit sich Menschen – und zwar jüngere wie ältere – besser im digitalen Zeitalter zurechtfinden und sich zum Wohle der Gemeinschaft weiterentwickeln können.

Bei der Suche nach Ideen einer neuen Denkweise des Lernens sind wir auf Learnlife gestoßen, eine 2017 in Barcelona gegründete internationale Lerninitiative. Sie macht bereits heute vor, wie Wissen in Zukunft neu vermittelt werden kann – und zwar abseits normaler Lernparadigmen. Es konzentriert sich dabei auf das sinnvoll gestaltete, persönliche Aneignen von Wissen durch die Lernenden selbst. Dabei setzt Learnlife sowohl auf eine digitale Plattform als auch auf lokale Lernzentren, sogenannte Learning Hubs. Meine Frau und ich sind davon überzeugt, dass dieser Ansatz von Learnlife richtig ist.

Was fehlt denn den heutigen Bildungskonzepten?

Benjamin: Sie gehen teilweise weiterhin nach starren Regeln und nach vordefinierten, und zum großenteil auch überholten Plänen vor, die den Schülern kaum Raum zum Entfalten der eigenen Talente und Interessen lassen, also eher nach dem Motto „one fits all“ standardisiert agieren. Dabei ist jedes Individuum anders, der Fokus sollte vielmehr auf die Themen Selbsterkenntnis und Selbstentfaltung gelegt werden. Lernen sollte nicht als ein eingegrenzter spezieller Lebensabschnitt, sondern als lebenslanger Prozess verstanden werden.

Wie kann das eurer Meinung nach funktionieren?

Janina Lin: Wir haben eine klare Vision davon. Kollaborative Lerngemeinschaften werden zu den Problemlösern in einer Welt, in der Agilität, Kreativität und Innovation erforderlich sind, um zukünftige Herausforderungen zu meistern.

Dafür baut ihr in Hamburg ein sehr großes Haus?

Benjamin: Wir bauen hier in Hamburg einen Prototypen für eine vernetzte kollaborative Lerngemeinschaft mit dem Projektnamen „Life Hamburg“ auf. Wir gehen aber noch weiter und konzipieren dies als Leuchtturmprojekt, das diese Vision in die Tat umsetzt. Es soll ein Ort werden, der alle Generationen vereint und an dem Jung und Alt lernen, arbeiten, sich wohl fühlen und sich vernetzen können. Mit dem „Life“ bauen wir die weltweit erste Innovationsgemeinschaft auf, in der wesentliche Elemente des Lebens, wie zum Beispiel Gesundheit, lebenslanges Lernen, das Berufsleben, Natur- und Handwerkserfahrung und Ausgleichsaktivitäten stattfinden. Ein eigenes Ökosystem, das Harmonie zum Wohle des Einzelnen in Verbindung mit einem ausgewogenen Umgang mit Natur und Technik fördert, so dass jeder lernen, sein volles Potenzial entfalten und damit ein glücklicheres Leben führen kann.

Das klingt noch recht abstrakt. Könnt ihr euer Konzept des „Life“ bitte noch etwas genauer erläutern?

Janina Lin: Vom Kindesalter an wachsen die Menschen lernend im „Life“ auf. Es bündelt dafür die Elemente Kita, Kindergarten, Grundschule, ggf. eine weiterführende Schule, Uni, praktische Tätigkeiten wie Kochen oder Tischlern, Entrepreneurship und Start-ups unter einem Dach. Auch Arbeitsmöglichkeiten in der Natur, wie der Anbau von Gemüse und Kräutern, die effiziente Nutzung von Umwelt und Ressourcen, Sport und kreative Anwendungen haben einen hohen Stellenwert. Menschen jeden Alters und in allen Lebens- und Lernsituationen werden in der Lage sein, sich zu vernetzen, zu lernen und voneinander zu profitieren.

Benjamin: Das „Life“ wird ein Campus mit rund 20.000 qm Bruttogeschossfläche und zwei Hauptteilen, die durch ein zentrales Forum, die sogenannte Agora, harmonisch miteinander verbunden werden. Das nach nachhaltig architektonischen und sozialen Prinzipien gestaltete Gebäude und seine Umgebung soll Teil der gesamten Lernerfahrung sein. Wir werden dort Innovation-Hubs, Gadget- und Coding-Labs sowie Creative Studios integrieren, in denen Multimedia, Sound Engineering, digitale Technologien, Robotik und verschiedenste Handwerksmaterialien erlebt und ausprobiert werden können. Zudem bieten sich Möglichkeiten des Zusammenkommens im Kontext von Digital Innovations, Start-ups und Unternehmern.

Janina Lin: Und auch die Themen körperliches und geistiges Wohlbefinden sowie gutes Essen werden zentrale Rollen im zukünftigen „Life“ einnehmen. Deshalb planen wir auch großzügige Flächen für Sport, Mindfulness-Spaces, einen Food Court und ein Auditorium für Aufführungen von Musik, Theater, Präsentationen, Veranstaltungen und Ausstellungen mit ein. Insgesamt wird das „Life“ für rund 2.000 Menschen ausgelegt sein.

Das ist deutlich mehr als „nur“ ein neuartigen Lernzentrum?

Benjamin: Stimmt! Es handelt sich eben um einen generationsübergreifenden Campus, der einen gezielten Wissenstransfer auf allen Ebenen ermöglicht. Jüngere Lernende werden mit realen Start-ups, Wissenschafts- und Technologie-Communities in Verbindung gebracht, um sofortigen und kontinuierlichen Zugang zu Praktika, Mentorenschaften und den Realitäten der sich schnell verändernden Gesellschaft und Geschäftswelt zu ermöglichen. Ältere können Computerkurse belegen, Weiterbildungsangebote im Bereich der Digitalisierung, zum Beispiel 3D-Printing, wahrnehmen oder in den verschiedenen Werkstätten gestalterisch tätig werden. Zwischen den Generationen soll ein stetiger, sich gegenseitig unterstützender Austausch stattfinden.

Und wo soll das „Life“ entstehen?

Benjamin: Direkt neben dem Campus der Otto Group. Die Planung und die Bauzeit werden aber noch einige Zeit beanspruchen. Wenn der Zeitplan hält, könnte „Life“ in drei bis vier Jahren Realität werden, genauer lässt sich das aktuell noch nicht sagen.

Hat das Bauprojekt „Life“ etwas mit dem Bauprojekt auf der Bramfelder Spitze sowie dem Moosrosenweg zu tun?

Benjamin: Nein, die beiden Bauprojekte hängen nicht miteinander zusammen. Ich bin übrigens auch gar nicht mehr an der EvoReal-Gruppe, die die Grundstücke 2017 gegenüber gekauft hatte, beteiligt.

Das „Life“ beinhaltet auch eine Grundschule; habt Ihr dafür schon die erforderlichen schulbehördlichen Genehmigungen bzw. die notwendige Anerkennung vorliegen?

Benjamin: Wir gehen gerade ins Gespräch mit der Hamburger Schulbehörde und wollen vorschlagen, die Grundschule nach dem Modell der Internationalen Schule aufzubauen.

Also eher eine Art Privatschule, die Geld kosten wird und sich deshalb nur gut betuchte Leute leisten können?

Janina Lin: Ja und nein. Einen Teil der Bildungseinrichtung werden wir den Lernenden anfangs nur gegen eine Gebühr zur Verfügung stellen können. Es wird aber auch Stipendien geben, die ein kostenfreies Lernen ermöglichen werden. Unser Ziel ist es definitiv, dass wir mit unserem Bildungskonzept eine breite Bevölkerungsschicht erreichen. Life soll ein Haus für alle sein.

Welche Vorteile bringt das „Life“ den Mitarbeitern der Otto Group Unternehmen?

Benjamin: Zum einen wird sich die direkte räumliche Nähe des „Life“-Campus für sie als nützlich erweisen. Die geplante Kita und der Kindergarten werden in jedem Fall auch Plätze für Kinder der Mitarbeiter der Otto Group vorhalten. Außerdem wird es viele Wellbeing-Angebote, wie zum Beispiel Yoga und Meditation geben, von denen die Mitarbeiter der Gruppe Gebrauch machen können. Darüber hinaus findet im „Life“ praktische Innovation statt, denn wir planen dort ein Innovationszentrum, in dem auch eine Art Code University, ähnlich dem Berliner Modell einer privaten, staatlich anerkannten Fachhochschule für Softwareentwicklung oder ein Bootcamp entstehen soll. Außerdem soll hier Prototyping stattfinden, Micro-Offices für Software- und andere Digitalfirmen wie möglicherweise Google, Microsoft und SAP sowie Start-up-Firmen entstehen, die von Venture Capital-Firmen der Gruppe oder von außerhalb sowie dem gruppeninternen Company Builder betreut werden könnten. Von dem Austausch durch die neuen Vernetzungsmöglichkeiten werden die Mitarbeiter der Otto Group profitieren können – da bin ich mir sicher.

Benjamin und Janina, habt herzlichen Dank für das Gespräch.

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Medienkontakt

Thomas Voigt
Tel.: +49 40 6461 4010
E-Mail: thomas.voigt@ottogroup.com

Isabella Grindel
Tel.: +49 40 6461 5283
E-Mail: isabella.grindel@ottogroup.com

 

 

Über die Otto Group

1949 in Deutschland gegründet, ist die Otto Group heute eine weltweit agierende Handels- und Dienstleistungsgruppe mit rund 52.560 Mitarbeitern in 30 wesentlichen Unternehmensgruppen und mehr als 30 Ländern Europas, Nord- und Südamerikas und Asiens. Ihre Geschäftstätigkeit erstreckt sich auf die drei Segmente Multichannel-Einzelhandel, Finanzdienstleistungen und Service. Im Geschäftsjahr 2018/19 (28. Februar) erwirtschaftete die Otto Group einen Umsatz von 13,4 Milliarden Euro. Sie gehört mit einem Onlineumsatz von rund 7,7 Milliarden Euro zu den weltweit größten Onlinehändlern. Die besondere Stärke der Gruppe liegt darin, eine breite Präsenz verschiedener Angebote an diverse Zielgruppen in fast allen relevanten Regionen der Welt zu verwirklichen. Eine Vielzahl von strategischen Partnerschaften und Joint Ventures bieten der Otto Group ausgezeichnete Voraussetzungen für Know-how-Transfer und die Nutzung von Synergiepotenzialen. Ein hohes Maß an unternehmerischer Verantwortung und Kollaborationswillen der Konzernunternehmen garantieren zugleich Flexibilität und Kundennähe sowie eine optimale Zielgruppenansprache in den jeweiligen Ländern.

 

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