Gemeinsam in der Verantwortung

Wertschöpfen? Werte leben? Welt retten? Und wer ist dafür eigentlich zuständig? Renate Künast, MdB und ehemalige Bundesministerin, Dr. Johannes Merck, Direktor Corporate Responsibility bei der Otto Group, und Bonprix-Geschäftsführer Rien Jansen diskutieren, wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aufeinander hören und voneinander lernen können. Damit nachhaltiges Handeln gelingt.

 

Klimawandel, Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit – manchmal kommt es einem fast vor, als sei die Erde nicht mehr zu retten. Teilen Sie diesen Pessimismus?

Rien Jansen: Ich bin kein Pessimist. Mir gibt das Verhalten meiner Kinder Hoffnung. Sie ticken ganz anders als ich in meiner Jugend. Sie gehen sehr viel bewusster mit ihrem Konsum um – und den Dingen, die sie umgeben. Dieses Bewusstsein wird sich in den nächsten Jahren noch weiter verändern, was übrigens auch mit den neuen Medien, den neuen technischen Möglichkeiten zu tun hat. Die Leute können sich viel besser informieren – und die Unternehmen können sich nicht mehr so verstecken. 

Renate Künast: Ich will mich nicht nur auf andere verlassen. Ich will selbst handeln. Und ich will ganz bestimmt nicht irgendwann sagen: „Wir konnten ja sowieso nichts tun.“ Tatsächlich können wir sehr viel tun. Wir wissen mittlerweile genug, damit wir uns und die Welt verändern können. Wir haben die Intelligenz. Und wir haben die Werkzeuge, um an den richtigen Stellschrauben zu drehen.

Dr. Johannes Merck: Richtig. Knowhow haben wir genug. Aber wir müssen die Rahmenbedingungen so verändern, dass dies besser wirken kann.

Aber was heißt das konkret? Frau Künast, Sie sprachen gerade von Stellschrauben. Welche sind das?

RK: An erster Stelle steht Transparenz. Kunden müssen heute wissen: Wo kommt das Produkt her, wer hat es hergestellt, was ist drin? Mit Kunden meine ich im Übrigen nicht nur Sie und mich. Als Politikerin interessiert mich zum Beispiel auch die gesamte öffentliche Beschaffung. Da werden riesige Summen bewegt. Wo kommt zum Beispiel der Stoff für Polizeiuniformen her? Wurde er auf dem Rücken von Mensch und Natur produziert?

Und wie lautet die Antwort?

RK: Ich werde demnächst im Bundestag dazu eine Anfrage stellen. Ich ahne Schlimmes. Als ich als Ministerin einmal den Verteidigungsminister anschrieb, ob es für unsere Soldaten nicht mehr ökologische Lebensmittel geben sollte, bekam ich einen Einzeiler zurück: „Zu teuer.“ Gesunde Ernährung ist also für die Leute, die unser Land verteidigen, zu teuer. Neben Transparenz ist aber noch ein weiterer Aspekt wichtig: Für alle müssen am Markt die gleichen Regeln gelten. Es kann nicht sein, dass die einen sich ökologisch korrekt verhalten und im Wettbewerb dadurch Nachteile haben, weil es die Konkurrenz nicht tut.

Man muss sich um das  Haus kümmern, in dem man wohnt und wirtschaftet, sonst fällt es zusammen.
– Renate Künast; Mitglied des Deutschen Bundestages und ehemalige Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Das vor vier Jahren von Entwicklungsminister Gerd Müller ins Leben gerufene und unter anderem von der Otto Group unterstützte Textilbündnis versucht, die Produzenten auf nachhaltiges Wirtschaften zu verpflichten.

RK: Aber das Textilbündnis beruht auf reiner Freiwilligkeit und ist sehr träge. Solche Bündnisse bewegen sich im Schneckentempo. Der Langsamste bestimmt die Geschwindigkeit. Die einen machen viel, haben einen riesigen Aufwand, die anderen machen nur das Nötigste. Und am Ende bringen beide das fast identische T-Shirt in Kirschrot auf den Markt. Wer ist dann der Dumme? Deswegen brauchen wir eine europäische Transparenz-Richtlinie, die jedes des Textilprodukt rückverfolgbar macht, jede einzelne Stufe, vom Anbau der Baumwolle bis zur Näherei. Sie muss für jeden gelten, der auf dem europäischen Markt verkaufen möchte. Hält sich jeder Zulieferer an die Standards, beschäftigt er keine Kinder, zahlt er den Mindestlohn?

Renate Künast, Dr. Johannes Merck und Rien JansenJM: Das ist natürlich ein umfassender und richtiger Ansatz, aber Sie wissen wie ich, dass die Politik das gleiche Problem hat wie die Wirtschaft. Für solche weitreichenden Entscheidungen brauchen Sie gesellschaftliche Unterstützung. Sie haben als Ministerin ja immerhin das Bio-Siegel eingeführt, aber die Welt retten Sie damit auch nicht.

RK: (lacht)  Ich war einfach zu kurz Ministerin.

JM: Sie haben ja das Problem des globalen Wettbewerbs erwähnt, Frau Künast. Wenn Sie den lokalen Markt gesetzlich regulieren, kann es sein, dass die heimischen Unternehmen auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig sind. Mit dem Textilbündnis wollen wir Abhilfe schaffen. Wenn wir den globalen Markt nicht formell regulieren können, wollen wir wenigstens informell Standards für so viele Partner wie möglich festlegen. Natürlich geht das alles nur langsam voran. 50 Prozent Beteiligung aus der Textilindustrie wie im Moment sind sicher zu wenig. Da muss noch mehr passieren, damit das Bündnis ein echtes Regulativ werden kann und denen nutzt, die bestimmte Standards einhalten. Politik, NGOs und Unternehmen müssen hier noch besser zusammenarbeiten.

RJ: Ich denke auch, dass Unternehmen und Politik zusammen Verantwortung übernehmen müssen. Wir müssen die Regeln gemeinsam formulieren. Über das Tempo mache ich mir weniger Sorgen. Denn viele Unternehmen machen sich durchaus darüber Gedanken, wie sie ökologischer und sozialer wirtschaften können. Ich selbst habe das immer gemacht. Bei Bonprix unterliegen wir neben unseren eigenen auch den Corporate-Responsibility-Zielen der Otto Group. Wir haben uns zum Beispiel vorgenommen, bis 2020 zu 100 Prozent Baumwolle aus nachhaltigem Anbau zu sourcen. Und das werden wir schaffen.

Was wollen Sie denn noch konkret verbessern?

RJ: Wir wollen unsere gesamte Wertschöpfungskette nachhaltig gestalten. Deswegen haben wir im vergangenen Jahr in Ergänzung des Engagements in der Gruppe unsere eigene CR-Strategie vorgestellt. Mit spezifischen Schwerpunkten für das Geschäftsmodell von Bonprix. Gerade bauen wir in Vietnam eine Fabrik namens Clean-Dye, in der T-Shirts ohne Wasser gefärbt werden. Üblicherweise verbraucht man circa 25 Liter Wasser pro T-Shirt, wir werden dort mit CO₂ färben. Es bringt uns keinen Profit, aber es passt zu unseren Markenwerten. We do care. Deswegen machen wir es. Sie sehen: Unternehmen können durchaus von sich aus verantwortlich agieren.

RK: Das ist der richtige Weg, aber es reicht eben nicht. Wir müssen grundsätzlicher werden. Ich muss mich als Politikerin an den Klimazielen, die wir in Paris unterschrieben haben, messen lassen. Die sind sehr ehrgeizig. Wir müssen in allen Bereichen etwas tun – Verkehr, Transport, Ernährung, Produktion. Jeder muss seinen Beitrag leisten. Um hier mehr Anreize für mehr Kreativität und Wettbewerb zu setzen, müssen wir mehr Druck in die jeweilige Szene bringen.

JM: Die Politik sollte mit ihren Zielen aber auch realistisch bleiben. Ich war positiv überrascht, als Gerd Müller mit viel Elan das Textilbündnis anging. Aber als er forderte, jeder müsste die ganze Wertschöpfungskette innerhalb eines Jahres transparent und nachhaltig machen, dachten wir, da hat jemand die Komplexität der Herausforderung nicht verstanden. So schnell geht so etwas nicht. Als Belohnung sollte dann jeder Artikel, der diesem Kriterium folgt, einen „Grünen Knopf“ angeheftet bekommen. An ihm sollten Verbraucher die Nachhaltigkeit erkennen.

RK: Vom „Grünen Knopf“ ist er ja dann auch erst mal wieder abgerückt.

JM: Der bürokratische Aufwand würde riesig sein. Wenn ein Unternehmen nachweisen soll, dass jeder Teil seiner Wertschöpfungskette ökologisch und sozial verantwortlich gestaltet ist, dauert das. Jetzt, vier Jahre nach Gründung des Textilbündnisses, sind die Partner immer noch weit davon entfernt.

RK: Viele dachten ja damals, ich wäre vom „Grünen Knopf“ begeistert, schon allein wegen der Farbe. Ich finde die Idee absurd. Denn was sollte dieses Label schon aussagen? Beim Textilbündnis wurde doch erst einmal eineinhalb Jahre darüber diskutiert, über welche Kriterien man überhaupt diskutieren sollte, die dann bis irgendwann einzuhalten sind. Das meine ich mit Schneckentempo. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, erst einmal kleiner anzufangen. Man hätte ja auch ein Kennzeichen entwickeln können, das den Verzicht auf bestimmte Chemikalien und die Selbstverpflichtung des Textilbündnisses dazu anzeigt. Und dafür startet man eine breite Informationskampagne. Das Textilbündnis kennt doch niemand.

Wir müssen die Rahmenbedingungen ändern, damit unser Know-How besser wirken kann.
– Dr. Johannes Merck, Direktor Corporate Responsibility bei der Otto Group

Wie sind Sie damals, im Jahr 2001, bei der Einführung des Bio-Siegels vorgegangen, Frau Künast?

RK: Wir haben Richtlinien bestimmt, die sich am europäischen Niveau orientierten. Damals führte ich einige Debatten mit Ökoverbänden, die noch strengere Auflagen wollten. Aber die Betriebe müssen im europäischen Vergleich konkurrenzfähig bleiben. Mit einem Bundesprogramm „Ökologischer Landbau“ sind wir zudem zeitgleich in die Breite gegangen, von Info-Kampagnen über Demonstrationsbetriebe, Bildungsaktionen und Kindergärten bis zur Forschung. Denn, wer die Qualität des Verfahrens und im Endprodukt nicht kennt, greift auch nicht zu. Wir müssen ganzheitlich denken. Und das gilt, wie gesagt, auch für die Textilindustrie. Alle Produkte, die hier verkauft werden, sollten zertifiziert sein, etwa, dass sie aus nachhaltiger Baumwolle bestehen und unter fairen Bedingungen produziert worden sind. Die Politik muss da gegebenenfalls Druck ausüben. Nach dem Einsturz der Rana-Plaza-Näherei in Bangladesch im Jahr 2013 hat die EU der dortigen Regierung mit einem Importverbot und höheren Zöllen gedroht, sollten sich die Bedingungen nicht ändern. Und siehe da, innerhalb von ein paar Wochen hob die Regierung den Mindestlohn um 30 Prozent an, und die Statik aller Gebäude wird nun überprüft.

JM: Der „Bangladesh Accord“ ist eine Erfolgsgeschichte. Wir haben es geschafft, ohne eine gesetzliche Vereinbarung die Verhältnisse zu verbessern. So müssen wir uns weiter Schritt für Schritt vorarbeiten. Das wird über Gesetze funktionieren, aber eben auch auf der Basis von Bündnissen wie dem Textilbündnis.

Vor allem, weil es ja nicht nur auf die Politik ankommt. Auch der Verbraucher entscheidet. Inwieweit ist Ihrer Meinung nach die breite Masse bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu zahlen?

Renate Künast, Dr. Johannes Merck und Rien JansenRJ: Wenn man heute Kunden fragt, ob sie für ein zertifiziertes T-Shirt drei Euro mehr zahlen würden, antworten die meisten mit Nein. Ich glaube, das wird sich erst ändern, wenn man ihnen wirklich erklärt, unter welchen Bedingungen ein solches Produkt hergestellt wird, und was und wen sie mit dem Kauf unterstützen. Kleidung muss wieder einen Wert bekommen. Eine Jeans für ein paar Euro ist ein vollkommener Wahnsinn. Das muss man den Leuten noch sehr viel klarer machen, und wir müssen ihnen zeigen, was es bringt, wenn wir für unsere Produkte zu 100 Prozent Baumwolle aus nachhaltigem Anbau beziehen. Dass wir damit etwa über die Initiative „Cotton made in Africa“ Kleinbauern in der Subsahara unterstützen. Meine Erfahrung ist aber auch, dass Kunden mittlerweile sehr viel öfter wissen möchten, wie wir Kleidung herstellen.

RK: Ich glaube nicht, dass Unternehmen klug beraten wären, ihr Vorgehen daran auszurichten, ob die Kunden gerade erklären, einen Euro mehr zahlen zu wollen oder nicht. Es geht doch darum, wie man sich am Markt platziert. Die Bedingungen können sich schnell ändern. Es hat doch vor nicht allzu langer Zeit niemanden wirklich interessiert, woher unser Essen kommt. Das ist heute grundlegend anders. Einen Lebensmittelskandal kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten. In der Textilindustrie könnte das auch bald so sein.

JM: Reputationsrisiken spielen auch im Textilsektor schon eine große Rolle. Der Trend geht ja eindeutig zur Transparenz. Wir haben heute eine sehr hohe Rechtfertigungspflicht, und im Vergleich zu früher sind wir nahezu gläsern. Durch die Digitalisierung wird sich das noch verstärken, weil sich Informationen schneller verbreiten und die Lieferkette präziser überprüfbar wird. Wir müssen aber auch unsere Angebote verbessern. Was wir bei Bonprix mit 100 Prozent nachhaltiger Baumwolle ab 2020 anbieten, muss irgendwann für alle Marktteilnehmer gelten.

RJ: Aber wir dürfen nicht nur an Nachhaltigkeit und Umweltschutz denken, sondern auch an die Ungleichheit auf der Welt. Die macht mir große Sorgen. Ich war vor Kurzem in Uganda, dort liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 60 Prozent. Die Leute haben dort andere Sorgen, als sich über Nachhaltigkeit Gedanken zu machen, die brauchen einen Job und etwas zu essen. Deswegen unterstützen wir in Uganda die Neueröffnung einer Fabrik zur Baumwollverarbeitung. Wir haben einen Aushang gemacht, dass wir Personal suchen, am nächsten Tag standen 4.000 Leute vor der Tür. Wir konnten nur 200 nehmen. Die Leute dort brauchen Unterstützung. Wir versuchen, unseren Beitrag zu leisten, ohne unsere Wirtschaftlichkeit aus dem Blick zu verlieren. Es sind kleine Schritte, aber sie zeigen in eine gute Richtung.

Kleidung muss wieder einen Wert bekommen.
– Rien Jansen, Geschäftsführer Einkauf, Marketing und Retail bei Bonprix

Lassen sich soziale und ökologische Belange auf der einen Seite und ökonomische Belange auf der anderen Seite denn überhaupt noch voneinander trennen?

JM: Wenn man sich den Alltag in vielen Unternehmen ansieht, stehen wirtschaftliche Kennzahlen immer noch allein im Vordergrund. Das macht es schwer, nachhaltig zu werden. In der Otto Group ist das anders. Jeder Manager ist verpflichtet, gewisse Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Diese Ziele finden sich auch in den 17 Sustainable Development Goals der UN, die etwa Ernährung für alle sichern, die Ungleichheit verringern oder eine nachhaltige Produktions- und Konsumweise weltweit bis 2030 zum Ziel haben. Viele unserer Projekte werden diese Ziele schon früher erreichen. Auch weil wir genau überprüfen, ob unsere Manager unsere ökologischen Vorgaben erfüllen, und zwar genauso wie die ökonomischen. Das entfaltet eine große Wirkung.

RK: Ich glaube auch, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, die beiden Ebenen zu trennen. Ein Kollege hat einmal den wunderbaren Leitsatz gesagt: „Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben.“ Ich finde ihn fast schon untertrieben. Wenn der Klimawandel so weitergeht, werden Unternehmen bald Schwierigkeiten haben, genügend Rohstoffe zu finden. Dann wird es Kämpfe um knappe Ressourcen geben. Ökologie und Ökonomie beinhalten Oikos, das griechische Wort für Haus. Man muss sich eben um das Haus kümmern, in dem man wohnt und wirtschaftet, sonst fällt es zusammen.


Quelle: Otto Group Geschäftsbericht 2017/18

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Ein Gastbeitrag von Nigel Salter, Gründer und CEO der auf nachhaltige Strategien spezialisierten Beratungsagentur Salterbaxter (London, UK).

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