Die größte Chance

Ein Gastbeitrag von Nigel Salter, Gründer und CEO der auf nachhaltige Strategien spezialisierten Beratungsagentur Salterbaxter (London, UK).

 
 

Noch vor knapp zehn Jahren sahen viele Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit als Belastung, die nur Kosten verursachte. Die Agenda wurde durch negative Vorfälle in einigen Branchen bestimmt, die den Eindruck verstärkten, dass Unternehmen insgesamt unverantwortlich und nicht nachhaltig waren, anstatt auf die Erfolge und Fortschritte hinzuweisen. Die Zeiten haben sich geändert. Heute geht es nicht mehr darum, weniger Schaden anzurichten, sondern darum, Wege zu finden, Gutes für die Gesellschaft und das Umfeld zu tun, in dem wir leben. Diverse Veränderungen sorgen dafür, dass Nachhaltigkeit nicht mehr der ungebetene Gast auf der Party ist, den man tolerieren muss. Vielmehr bietet sie Unternehmen eine echte und dringend notwendige Möglichkeit, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verantwortungsbewusst zu handeln – und dabei auch noch zu wachsen und neue Kunden zu gewinnen.

Ein paar Beispiele zeigen, dass die Zeit zu handeln gekommen ist – und auch nie besser dafür war:

• Kunden sorgen sich immer mehr darum, wie, von wem, womit und wo Dinge hergestellt werden – und es gibt vermehrt Hinweise darauf, dass sie ihr Kaufverhalten entsprechend anpassen. Während Onlineshopping eine immer größere Rolle spielt, entwickelt sich die Kaufentscheidung immer mehr zu einem Ausdruck der persönlichen Werte. So sind 66 Prozent der Millenials weltweit bereit, mehr Geld für Marken auszugeben, die nachhaltig handeln. 

• Die sozialen Medien bieten die perfekte Möglichkeit, eine offene und transparente Kommunikation mit den Kunden aufzubauen und sich so einen Wettbewerbsvorteil zu erarbeiten. Allerdings müssen Unternehmen dies auch ernst nehmen, denn jede Indiskretion, jeder Fehler und jedes Geheimnis werden sofort aufgedeckt. 

• Im Jahr 2015 unterzeichnete fast die ganze Welt das Pariser Abkommen, mit dem Ziel, die menschengemachte globale Erwärmung auf unter 2 Grad Celsius zu halten – und die treibende Kraft für die Erreichung dieses Ziels werden Unternehmen sein.

• Die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) haben ein gemeinsames Verständnis (unterschrieben von 197 Staaten) für die dringlichsten Herausforderungen der Welt geschaffen. Einige Ökonomen beschreiben sie als die größte wirtschaftliche Chance unserer Generation, die ein geschätztes Marktpotenzial von 12 Milliarden US-Dollar bietet (Business & Sustainable Development Commission). 

• Neueste Forschungen der Bank of America zeigen, dass Unternehmen, die nachhaltig handeln, weniger Gefahr laufen, starke Preisrückgänge zu erleiden und weitaus bessere Dreijahres- und Fünfjahres- Eigenkapitalrenditen aufweisen als ihre Kontrahenten.

• Nicht nur Kunden erwarten mehr von den Marken, die sie kaufen. Mitarbeiter sind mittlerweile die treibende Kraft, wenn es darum geht, die Messlatte nach oben zu schieben, weil sie in Unternehmen arbeiten wollen, die einen klaren positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten.

 
Nachhaltigkeit muss sich schon lange nicht mehr dafür entschuldigen, als Gast auf der Party zu erscheinen.
– Nigel Salter, Gründer und CEO der Beratungsagentur Salterbaxter

Und selbst diejenigen, die noch nicht von dem Potenzial der Möglichkeiten überzeugt sind, die die Nachhaltigkeit bietet, haben zunehmend Schwierigkeiten damit, den Umfang der Risiken zu ignorieren. Der CEO des größten Vermögensverwalters der Welt, Larry Fink von Blackrock, ist einer der stärksten Verfechter davon, dass Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle bei der Beurteilung von Unternehmensleistung spielen muss. Sein Brief an alle führenden CEOs war sehr direkt: „Die Gesellschaft verlangt, dass alle Unternehmen, sowohl privat als auch öffentlich, einem sozialen Zweck dienen. Um langfristig Erfolg zu haben, muss ein Unternehmen nicht nur die finanzielle Leistung abliefern, sondern auch zeigen, welchen positiven Beitrag es für die Gesellschaft leistet.“

Was bedeutet dies nun für Unternehmen? Auf der einen Seite bietet es die einzigartige Gelegenheit, innovative Lösungen zu schaffen, die der Nachhaltigkeit dienen. Zwei aktuelle Beispiele dafür sind neue Materialen und Innovationen für die „Kreislaufwirtschaft“ (circular economy).

• Der Bericht „A New Textiles Economy“ der Ellen- MacArthurStiftung bietet eine Vision für die Bekleidungsindustrie, die sich selbst erneuert. Kleidung, Textilien und Fasern werden während ihres gesamten Lebenszyklus bestmöglich verwertet und fließen danach wieder in die Wirtschaft ein, sodass ungenutzte Materialien im Wert von 500 Milliarden US-Dollar vermieden werden.

• Bei Materialinnovationen passiert einiges – von recyceltem Ozeanplastik (G-Star-Jeans) hin zu nachhaltigem, veganem Leder aus Pilzen (Stella McCartney). Und die Unterwäsche-Marke Wolford bietet biologisch abbaubare, Cradle-to-Cradle-zertifizierte Strümpfe sowie Lingerie, die Zellulosefasern und biologisch abbaubare Infinito-Fasern nutzt; Stretch-Stoffe werden künftig mit einer innovativen Alternative zu Elasthan hergestellt.

Um in diesem neuen Umfeld federführend zu agieren, ist es zudem notwendig, das große Ganze zu sehen. Die Vorreiter, die aller Wahrscheinlichkeit nach am meisten profitieren werden, haben verstanden, dass sich angesichts der Herausforderungen das gesamte System verändern muss, nicht nur das eigene Geschäft. Und dafür sind neue Partnerschaften, Kooperationen und neue Formen des Arbeitens nötig, und das sowohl innerhalb als auch außerhalb des Sektors. Nachhaltigkeit muss sich schon lange nicht mehr dafür entschuldigen, als Gast auf der Party zu erscheinen. Im Gegenteil: Sie ist eine der größten Chancen, um Wachstum zu generieren, bessere Produkte zu produzieren und zu verkaufen und – vor allem – Gutes zu tun für die Gesellschaft und unseren Planeten.

Quelle: Otto Group Geschäftsbericht 2017/18

Teilen

Gemeinsam in der Verantwortung

Ein Interview mit Renate Künast, MdB und ehemalige Bundesministerin, Dr. Johannes Merck, Direktor Corporate Responsibility bei der Otto Group, und Bonprix-Geschäftsführer Rien Jansen.

Gemeinsam in der Verantwortung - ein Interview

Teilen