MENSCH, TRAU DICH!

Künstliche Intelligenz, Robotik und Brainhacking: Die digitale Zukunft macht vielen Menschen Sorgen. Aber ist das gerechtfertigt? Nein, finden Publizistin und Digitalexpertin Prof. Dr. Miriam Meckel und Otto Group Konzern­-Vorständin Petra­ Scharner­-Wolff. Im Gespräch diskutieren sie über Mut in digitalen Zeiten, die Chancen der technologischen Entwicklung und darüber, warum Zukunftsangst häufig ein deutsches Problem ist.

 

Was bedeutet Mut für Sie?

Prof. Dr. Miriam Meckel (MM): Der Begriff Mut ist in allen indogermanischen Sprachen zu finden und immer geht es darum, die Entscheidungskraft zu haben, etwas zu wagen und ein persönliches Risiko einzugehen. Diese Komponente sollte man nicht vergessen. Wenn man heute oft hört: „Es ist total mutig, etwas getwittert zu haben“, denke ich mir: Nein, das ist vielleicht respektlos oder provokant, aber es hat nichts mit Mut zu tun, denn es gibt keinen Einsatz. In diesem Sinne bin ich etwas vorsichtig, wenn heute ständig und inflationär von Mut die Rede ist.

Petra Scharner-Wolff (PSW): Ja, das mit dem Inflationären stimmt schon. Aber daran störe ich mich gar nicht so sehr. Auch bei der Otto Group ist im Rahmen des Kulturwandels ja sehr viel von Mut die Rede, es ist eines unserer Schwerpunktthemen. Mut ist das Gegenteil von Angst und wir merken, dass es sich mit dem Begriff Mut sehr viel leichter arbeiten lässt als mit Angst. Alle reden gern von eigenen mutigen Entscheidungen. Wenn es darum geht, Angst einzugestehen, wird es schnell schmerzhaft und verklemmt.

MM: Ja, Mut ist ein Antreiber, Angst ist ein Bremser. In dem Zusammenhang muss ich an den Satz von Kant denken: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, den vielleicht wichtigsten Satz der Aufklärung. Das macht aber auch klar, woher die Angst kommt. Wenn man plötzlich selbst entscheiden muss und also auch scheitern kann, ist das viel anstrengender, als immer nur auf die Chefin oder den Chef zu hören. Wichtig ist aber auch: Mut ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist Demut. Wer ständig von sich behauptet, Mut zu haben, ist wahrscheinlich nur wagemutig. Zum Mut gehört auch der Respekt vor Gefahren und manchmal auch die Entscheidung, sich der Gefahr zu verweigern.

Prof. Dr. Miriam Meckel, Publizistin und Gründungsverlegerin der Medienplattform Ada
Wer ständig von sich behauptet, Mut zu haben, ist wahrscheinlich nur wagemutig. Zum Mut gehört auch der Respekt vor Gefahren und manchmal auch die Entscheidung, sich der Gefahr zu verweigern.
– Prof. Dr. Miriam Meckel, Publizistin und Gründungsverlegerin der Medienplattform Ada

Wann waren Sie das letzte Mal mutig?

PSW: Ich denke spontan an unsere erste interne Fuck-up-Night. Die ist zwar schon etwas länger her, war aber besonders prägend, weil ich dort das erste Mal auf einer Bühne vor einem Publikum ganz offen und ehrlich von einem großen beruflichen Misserfolg erzählt habe. Das hat mich große Überwindung gekostet.

MM: Ich mache jedes Jahr etwas, was ich noch nicht gemacht habe, und manchmal liegt das dann deutlich außerhalb der Komfortzone. Und zwar bewusst. Letztes Jahr bin ich vom Fünfmeterbrett gesprungen.

Kann man lernen, mutig zu sein?

PSW: Ja, durch eine vernünftig gelebte Fehlerkultur. Wie gehe ich damit um, wenn mal etwas nicht gut geht? Wer keine Angst davor hat zu scheitern, wird Neues ausprobieren.

Petra Scharner-Wolff, Finanzvorständin der Otto Group
Durch eine vernünftig gelebte Fehlerkultur kann man lernen, mutig zu sein.
– Petra Scharner-Wolff, Finanzvorständin der Otto Group

Wie bringt man Leute dazu, Fehler zuzugeben?

PSW: Im beruflichen Kontext sind hier die Vorbilder entscheidend. Wenn Führungskräfte sich selbst Fehler eingestehen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht bestrafen, wenn mal etwas schiefgelaufen ist, trauen sich alle, mehr zu wagen. Man muss das sehr explizit machen und auch im Alltag leben.

MM: Da gibt es eine schöne Anekdote aus der Technikgeschichte. Thomas Alva Edison hatte ja wahnsinnig viel erfunden, er meldete um die 2.300 Patente an. In seinem Forschungstagebuch schrieb er auch über all seine misslungenen Erfindungen. Und er sagt klar, dass diese Fehler als Lernschritt zum nächsten Erfolg nötig waren

Wie macht man nach einem Fehler weiter?

PSW: Meine Erfahrung ist, dass man sich darüber gar keinen Kopf machen muss. Denn es tut sich immer ein Weg auf, zum Beispiel, weil Leute kommen, die einem helfen. Wenn man sich das bewusst macht, schwindet die Angst von allein.

Eine Sache, die gerade vielen Angst macht, ist die technologische Entwicklung. Frau Meckel, Sie haben ein Buch über die Möglichkeiten und Gefahren des Brainhackings geschrieben. Was interessiert Sie an dem Thema?

MM: Mich interessiert, was passiert, wenn Mensch und Maschine, wenn Denken und Software immer weiter zusammenwachsen. Wir haben heute alles ans Internet angeschlossen. Kühlschränke, Autos, Hörgeräte. Sehr bald werden wir selbst auch direkt ans Netz angeschlossen sein. Sobald das der Fall ist, müssen wir uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Gedanken lesbar sind.

Wann wird das so weit sein?

MM: Es gibt bereits Versuche im medizinischen Bereich. Da wird Locked-in-Patienten, die sich nicht mitteilen können, durch ein Hirnimplantat ermöglicht, wieder zu kommunizieren. Das ist natürlich fantastisch. Aber dann gibt es auch die Ankündigung von Facebook: Sie arbeiten an einem Gerät, das wir am Kopf tragen sollen und das in der Lage sein wird, unsere Gedanken in einer Geschwindigkeit von 100 Worten pro Minute zu dechiffrieren. Da stellen sich dann einige Fragen, die in den Kernbereich menschlicher Privatsphäre und Freiheit hineinreichen. Und die muss man jetzt stellen und nicht, wenn die Dinge auf dem Markt sind.

PSW: Ich finde es zum Teil schockierend, wie schnell hier ein Bewusstseinswandel stattfindet. Wie viele Daten man heute über Fitnesstracking und ähnliches vollkommen freiwillig teilt, ist schon manchmal irrwitzig. Ich wuchs in einer Zeit auf, als Volkszählung ein großer Aufreger war. Das ist aus heutiger Sicht lächerlich. Die Debatte über all diese Dinge ist notwendig, denke ich. Allerdings sollte sie nicht angstfixiert sein.

Ist es eine typisch deutsche Eigenschaft, vor der Zukunft Angst zu haben?

MM: Ja, das scheint so zu sein. Es könnte sein, dass das grundsätzlich schon in der rückwärtsgewandten Melancholie der Romantik angelegt ist, die uns Deutsche ja historisch ausmacht. Es gibt aber auch Studien, die belegen, dass demographisch alternde Gesellschaften ängstlicher sind. Das ist auch ganz natürlich: Sie wollen Bestand bewahren und sind Veränderungen gegenüber erst mal skeptisch.

PSW: Ein Problem ist, dass es heute kaum mehr ein Forum gibt, außer vielleicht die Kirchentage, in dem alle Stimmen, die Eilenden und die Warner, die Mutigen und die Ängstlichen, die Jungen und die Alten zu Wort kommen und sich austauschen. Heute finden Diskussionen online innerhalb einer Blase statt und hier hat man es dann mit einem stark polarisierten und polarisierenden Gesprächsraum zu tun.

Wenn Sie in die Zukunft und auf die Entwicklung von KI blicken, worauf freuen Sie sich persönlich?

PSW: Ich freue mich auf selbstfahrende Autos.

MM: Ich mich auch. Ich freue mich sehr darauf, im Auto lesen zu können. Oder zu schlafen.

Wovor fürchten Sie sich?

MM: Ich habe Angst davor, dass man aus allen Verhaltensweisen einen Mainstream berechnen kann. Und wenn das dann nicht nur Analysen sind, sondern Orientierungsmarken, werden wir eine Gesellschaft bekommen, die sehr stark vereinheitlicht wird. Das können wir heute auf ganz vielen Ebenen beobachten. Wir neigen dazu, Maschinen zu vermenschlichen. Gleichzeitig aber wird menschliches Verhalten immer maschinen ähnlicher, immer genormter.

Prof. Dr. Miriam Meckel, Publizistin und Gründungsverlegerin der Medienplattform Ada
Wir neigen dazu, Maschinen zu vermenschlichen. Gleichzeitig aber wird menschliches Verhalten immer maschinen ähnlicher, immer genormter.
– Prof. Dr. Miriam Meckel, Publizistin und Gründungsverlegerin der Medienplattform Ada

Bei der Entwicklung von KI ist die Lücke zwischen Europa auf der einen Seite und den USA und China auf der anderen riesig. Wie könnte man sie schließen?

PSW: Wir waren mit dem Vorstand gerade in Israel und es ist großartig, wie normal es dort für junge Menschen ist, zu programmieren. Das hat etwas mit dem Schulsystem zu tun. Es wird dort nicht unbedingt Programmieren gelehrt, sondern vielmehr die Fähigkeit, sich in kurzen Zeiträumen komplexe Problemlösungsstrategien anzueignen. 

MM: Ich war kürzlich in China und habe großen Respekt davor, wie schnell die Entwicklung dort vorangeht. Allerdings unter ganz anderen Bedingungen als bei uns. Shenzhen zum Beispiel war früher eine Sonderwirtschaftszone, heute sitzt dort Huawei. Die Chinesen setzen konsequent darauf, technologische Entwicklungen voranzutreiben und zu nutzen. Ich verstehe die deutsche und europäische Politik nicht, die immer alles reguliert und dämpft.

Etwa?

MM: Beispiel Gesichtserkennung: Es ist kein Wunder, dass das höchstbewertete Start-up in diesem Sektor, Sensetime, in Shanghai sitzt. Etwas Vergleichbares gibt es in Europa nicht. Und irgendwann wird diese Technologie, mit der man mit Gesichtserkennung seine Bürotür öffnet und seinen Kaffee bekommt, so ausgereift sein, dass sie weltweit genutzt wird. Und in diesem Moment sind wir dann auf eine Technologie aus China angewiesen. An der Stelle würde ich mir wünschen, dass die europäische Politik mutiger und nicht so angstgeleitet ist.

Die Angst vor der Digitalisierung hat ja oft auch damit zu tun, dass viele Menschen fürchten, mit den technologischen Entwicklungen nicht mithalten zu können, weil alles zu kompliziert ist. Wie gehen Sie bei der Otto Group gegen diese Angst vor?

PSW: Durch Praxis. Und durch niederschwellige Angebote. Schulungen sind nun nicht mehr ganztägig, stattdessen gibt es kurze Videotutorials. Oder wir führen VR-Brillen auf dem Campus vor und alle, die Lust haben, dürfen sie mal aufsetzen. Das alles darf auch Spaß machen. Der andere Punkt, der Angst macht, ist die Sorge, dass man irgendwann durch eine Maschine ersetzt werden könnte. Auch hier gehen wir auf alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu und zeigen mit Workshops und Seminaren, dass alle sich so verändern können, dass wir zukunftsfähig bleiben. Unser Ziel ist, dass wir alle unsere mehr als 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit diesen Programmen erreichen.

MM: Ich finde die gesellschaftliche Kommunikation über das Thema sehr schwierig. Es gibt Studien, die „berechnen“, dass in den USA 50 Prozent aller Arbeitsplätze durch KI wegfallen werden. Das ist hanebüchen! Aus der Geschichte könnten wir eigentlich eines gelernt haben: Alle großen technologischen Umbrüche waren schwierig, aber unter dem Strich sind mehr neue Jobs dazugekommen, als dass alte weggefallen sind. Ich wäre dafür, auch dieses Thema mutiger anzugehen. Wieso denkt man nicht mehr darüber nach, durch die Produktivitätsgewinne, die mit KI einhergehen, die klassische Verkopplung von Lohn und Produktivität aufzubrechen? Das muss nicht durch das bedingungslose Grundeinkommen geschehen. Aber kreative und soziale Tätigkeiten, die heute unterfinanziert sind, könnten querfinanziert werden. Darüber wird nicht geredet, sondern immer nur über die Angstszenarien.

Petra Scharner-Wolff, Finanzvorständin der Otto Group
Praxis nimmt die Angst vor der Digitalisierung
– Petra Scharner-Wolff, Finanzvorständin der Otto Group

Sie bringen mit Ada ein Magazin auf den Markt, das den Menschen die Angst vor der digitalen Zukunft nehmen will. Wie funktioniert das?

MM: Indem wir erklären. Wir sind davon überzeugt, dass Digitalisierung keine Technologiefrage, sondern eine Zivilisationsfrage ist. Es wird in einigen Jahren nichts mehr geben, das nicht vernetzt ist. Wir beschreiben, wie die Digitalisierung ins berufliche und private Leben hineingreift. Und wir wollen zeigen: Da kommen eine Menge Perspektiven und Chancen. Zum Beispiel berichten wir aus Dänemark, wo Robotik im Arbeitsalltag schon sehr viel integrierter ist als bei uns. Und dort zeigt sich, dass gar keine Jobs wegfallen, sondern viele neue entstehen.

Frau Scharner-­Wolff, die Otto Group ist Partner von dem flankierenden Ada-­Fellowship­-Programm, einer deutschlandweiten Bildungsoffensive für die digitale Transformation. Was hat Sie dazu bewogen?

PSW: Es ist uns ein sehr großes Anliegen, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die digitale Zukunft fit zu machen. Wir finden das Projekt sehr spannend und haben nicht erst im Kulturwandel gemerkt, dass es sehr guttut, wenn man sich auch für andere Firmen öffnet. Branchenübergreifendes Lernen ist ja auch ein typisches Digitalisierungsthema. Früher war man nur innerhalb seiner Themenbereiche unterwegs und orientierte sich ausschließlich an seinen Kolleginnen und Kollegen.

MM: Ja, es zeigt sich immer deutlich, wie man im Dialog ein anderes, sehr produktives Mindset kreieren kann. Dann lernt man: Es gibt überall ähnliche Probleme, aber eben ganz unterschiedliche Lösungen. Diesen Austausch wollen wir befördern. Und wenn es auf diese Weise immer mehr technologische Botschafterinnen und Botschafter gibt, die mit Mut Lust auf Zukunft machen, haben wir unser Ziel erreicht.

 

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Mut zum Mitmachen:
Das Otto Group #Mut-Festival

Otto Group Mut-Festival

Es gehört Mut dazu, einen Fehler einzugestehen oder seine Komfortzone zu verlassen. Und es gehört noch viel mehr dazu, das auf einer Bühne zu tun. Aber genau darum ging es beim #Mut-Festival, das die Otto Group im August 2018 veranstaltet hat — als einer der Höhepunkte im internen „Jahr des Muts“. 

Und natürlich ging es nicht nur darum, über Fehler zu sprechen. Über 200 Teilnehmer aus verschiedenen Konzerngesellschaften bekamen einen ganzen Tag lang Input in Sachen Mut: Es gab Workshops rund um eine positiv gelebte Fehlerkultur, um Innovationen und Experimentierfreudigkeit. Und nicht zuletzt eine Menge Programm zum Mitmachen. 

Denn, wie es der Schweizer Coach Matti Straub-Fischer vor Ort sagte: „Mut ist ein Muskel, der gestärkt wird, je öfter wir ihn brauchen.“

Mehr erfahren >>


Mutig in die digitale Zukunft: Heute das Morgen verstehen

Ada-Fellowship-Programm

Die Otto Group ist Initiativpartner des Ada-Fellowship-Programms. 

Unter Leitung von Ada Gründungs-verlegerin Prof. Dr. Miriam Meckel und ihrem Team starteten im April 2019 500 Fellows von zwölf Initiativpartner*innen eine deutschlandweite Bildungsoffensive rund um das digitale Leben und die Wirtschaft der Zukunft. 

Ziel des einjährigen Programms ist es, Verständnis, Methodik und Handlungsfähigkeit in Bereichen der relevantesten Zukunftsthemen zu fördern. 

Mehr Informationen über das Ada-Fellowship-Programm >>

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