VON DEN WERTEN DER ZUKUNFT

These: Die Digitalisierung wird unsere Welt umwälzen. Fakt: Sie hat es längst getan. 2009 hatte Facebook 337 Millionen aktive Nutzer, heute, zehn Jahre später, sind es über zwei Milliarden. Vor zehn Jahren konnte Künstliche Intelligenz sehr gut Schach oder Jeopardy spielen, heute kreiert sie Werbespots, hilft beim Erstellen von Behandlungsplänen für Krebspatienten und übersetzt Texte in hoher Qualität.

 
 

Algorithmen können gesammelte Daten immer präziser analysieren und in Anwendungen übertragen, die wiederum von uns Menschen, von Unternehmen und vom Staat genutzt werden. Es sind machtvolle Instrumente, die uns in die Hände gelegt werden. Sie sind effizient und machen nur wenige Fehler. 

Doch mit Macht geht Verantwortung einher. Diese Technik erlaubt eine nie dagewesene Kontrolle und Überwachung der Gesellschaft, sie gibt tiefe Einblicke in unser Privatleben, sie dient zur Manipulation von Meinungen und Milieus, sie kann zu Spaltung und Ungleichheit beitragen. Es stellt sich die Frage, wie man sie einhegt, ohne Freiheit, Kreativität und Innovation einzuschränken. Man sollte sie als Chance für eine bessere Welt begreifen und nicht als Weg in die Apokalypse.

Die Otto Group möchte deshalb einen interdisziplinären Diskurs über einen verantwortungsvollen Umgang mit der Digitalisierung anstoßen. Es geht um nichts weniger als eine digitale Transformation, die im besten Fall dem Menschen dient und ein neues Kapitel auf diesem Feld aufschlägt. Wie dieses aussehen könnte und was nötig ist, damit es Wirklichkeit wird, erläutern die folgenden drei Beiträge aus dem Otto Group Geschäftsbericht 2018/19.

Maja Göpel

Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen


Die gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhänge verändern sich durch die Digitalisierung gerade grundlegend. Das ist längst bekannt, nur die Frage, wie wir damit umgehen, ist bei Weitem noch nicht geklärt. Ich denke, ein guter Ansatz wäre, wertekonservativ und strukturkreativ zu handeln. Das heißt, ein Unternehmen sollte fortlaufend darüber nachdenken, welche Werte es mit seinem Wirtschaften schöpfen möchte, ob zum Beispiel Integrität, Respekt, soziale Kohäsion und ökologische Nachhaltigkeit Teil seiner DNA sind und ob diese auch bei sich verändernden Zusammenhängen den Anker bilden. 

Die Herausforderung liegt dann darin, Strukturen kreativ anzupassen, anstatt die Werte über Bord zu werfen, um Geschäftsmodelle zu erhalten. Dafür ist es auch wichtig, die ideologisch aufgeladene Diskussion um das Zusammenwirken von Staat und Unternehmen zu versachlichen. Denn auch Märkte sind menschgemachte Strukturen. Sie sollten es den Marktakteuren ermöglichen, verantwortungsvoll und nachhaltig zu handeln und trotzdem nicht um ihre Wettbewerbsfähigkeit fürchten zu müssen. Heute bestehen aber deutliche Wettbewerbsvorteile für Unternehmen, die Kosten der Umweltverschmutzung und sozialen Absicherung externalisieren. Und Märkte haben die Tendenz zur Konzentration von Macht, das zeigt die Forschung zu komplexen Systemen genauso wie ein Blick in den Digitalmarkt. Letzterer wird von Wenigen kontrolliert, sie bestimmen dessen Regeln, etwa wie mit Daten umgegangen wird oder in welche Richtung sich Arbeitsstandards entwickeln.

Deshalb brauchen wir endlich eine unideologische Diskussion darüber, wie Industriepolitik, Wettbewerbspolitik, Fiskalpolitik, Kartell- und Arbeitsrecht im 21. Jahrhundert aussehen sollten, um Innovations- und Investitionsenergie in Richtung nachhaltiger Lösungen und Geschäftsmodelle zu lenken. Ohne staatliche Regulierung wird das nicht gehen. Denn letztlich entscheidet jemand, wer unter welchen Bedingungen Zugang zu etwas bekommt. Deregulierung bedeutet in erster Linie, diese Entscheidungshoheit aus dem staatlichen in den privaten Raum zu übertragen. Und natürlich agiert jemand, der dem Profit verpflichtet ist, anders als jemand, der dem Allgemeinwohl verpflichtet ist. Ganz konkret sieht man das am derzeitigen Umgang mit Daten. Sie werden als Ressource oder Ware bezeichnet und gehandelt, weil insbesondere profitorientierte Unternehmen sie massenhaft einsammeln und die Hoheit über sie haben. 

Aber wem sollten welche Daten gehören? Warum und unter welchen Bedingungen? Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, wer wo was mit Informationen über mich macht und für welchen Preis. Und das ist nur eine von vielen Fragen, für die wir neue Antworten brauchen, die nicht nur die Finanzen im Blick haben, sondern auch ethische, soziale und ökologische Konsequenzen. 

Wenn es dafür einen Raum gäbe — wie ihn die Otto Group plant —, in dem Staat, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft offen, ehrlich und transparent diskutieren, dass wir an vielen Stellen Regulierung kreativ neu denken müssen, um unsere Werte im globalen digitalen Wirtschaften zu erhalten, würde ich das sehr begrüßen.

Christoph Bornschein

Christoph Bornschein, Geschäftsführer der Digitalagentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr


Vom Rad zur Dampfmaschine zur lernenden Maschine: Im Großen wie im Kleinen ist technologische Innovation stets mehr als nur ein Update aktueller Zustände. Sie bedingt immer auch sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen — kurz: gesellschaftlichen — Wandel. Damit fordert sie von allen gesellschaftlichen Akteuren eine Positionierung: Wo stehen wir in Zeiten radikaler Veränderungen? Dass die Digitalisierung diese radikalen Veränderungen mit sich bringen würde, ist längst eine Binsenweisheit. Doch der schleichend etablierte Status quo überrascht heute selbst Experten. Sehr graduell sind Anbieter praktischer Services, sind soziale Netzwerke, Cloudunternehmen und Handelsplattformen zum bestimmenden Teil digitaler Infrastruktur geworden. Heute haben Konzerne, die privateste Daten monopolisieren und kommerzialisieren, einen enormen Einfluss auf den digitalen Wandel und die Veränderung von Gesellschaften. Die Werte-DNA dieser Unternehmen, ihre ideelle Verankerung in auf maximales Wachstum und maximale Kontrolle ausgerichteten Systemen — China und den USA — muss dabei zu Konflikten führen. Europa hat sich mit eigenen Entwürfen einer digitalen Zukunft lange zurückgehalten. Zu groß war die Verlockung, Digitalisierung vor allem als produktivitätssteigerndes Update der Wirtschaft zu verstehen. Zu groß die Herausforderung, ein Zukunftsbild der Vielen zu formulieren, das mehr bietet als Risikovermeidung und hastiges Kopieren von als erfolgreich wahrgenommenen Strategien.

Der aktuelle Diskurs — vom Feuilleton über Vorstände bis zum Europaparlament — macht jedoch deutlich, dass die Akzeptanz monopolisierender und kommerzialisierender Datenkonzerne ihre Grenzen erreicht hat. Hier manifestiert sich ein Bedarf an tragfähigen, originär europäischen Alternativen. Dabei kommt Unternehmen wie der Otto Group eine Schlüsselrolle zu. Corporate Digital Responsibility versteht, wie grundlegend die Digitalisierung die Gesellschaft als Ganzes verändert. Sie hinterfragt dieselben Regeln darin kritisch und gibt Impulse für die gesellschaftliche Auseinandersetzung. Die mit dem Blick auf Möglichkeiten und Folgen des digitalen Wandels gestellte Frage „Wie wollen wir leben?“ kann nur im Polylog politischer, kultureller und wirtschaftlicher Akteure Antworten hervorbringen. 

Doch auch im unmittelbar unternehmerischen Handeln öffnen sich Gestaltungsräume. Wertebasierte und verantwortungsbewusste digitale Geschäftsmodelle können europäisches Wertebewusstsein zum echten Wettbewerbsfaktor machen. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist ein neuer, nachhaltiger Wachstumsbegriff, der generationenübergreifend das Wohl der Gesellschaft über quartalsorientierte Maximierung stellt. Aus dieser Position heraus lassen sich auch Prinzipien für den eigenen Umgang mit datengestützten Leistungen und Produkten und für einen gemeinschaftlichen Entwurf einer europäischen digitalen Marktwirtschaft ableiten.

Das ist, ohne es banalisieren zu wollen, letztlich nur eine Übersetzungsleistung. Der Wille ist da. Der Anfang ist gemacht.

Alexander Birken

Alexander Birken, Vorstandsvorsitzender der
Otto Group


Von Unternehmen wird gefordert, nicht  nur  profitorientiert zu handeln, sondern sich ihrer  gesellschaftlichen  Verantwortung  bewusst  zu  werden.  Die Geschichte der Otto Group ist seit vielen Jahrzehnten davon geprägt, Umwelt und Soziales in den Unternehmenszielen konkret zu verankern und durch  große, nachhaltige Initiativen zu belegen. Nachhaltigkeit ist in unserer Vorstellung modernen Wirtschaftens  eingeschrieben. Das gilt für den Umgang mit  unserem Planeten, das gilt für unser Engagement für die Gesellschaft, und nicht zuletzt gilt das auch für unsere Mitarbeiterinnen und  Mitarbeiter, die von uns Jobsicherheit, einen fairen Umgang und  Entfaltungsmöglichkeiten erwarten. 

Diese grundlegende Haltung ist heute wichtiger denn je. Nicht nur, weil sich  unser Klima besorgniserregend verändert, sondern auch, weil mit der digitalen Transformation eine Umwälzung stattfindet, die die Regeln unseres Zusammenlebens  und unseres Geschäfts völlig neu schreibt. Wir geben deswegen aber unsere Werte nicht auf. Wir sind im klassischen Sinne wertkonservativ. Uns ist aber auch klar, dass es damit nicht getan ist. Wir müssen daran arbeiten, neue Rahmenbedingungen für eine soziale, digitale Marktwirtschaft zu gestalten. Es ist wichtig,  dass sich unsere Kunden sicher fühlen und nicht das  Gefühl haben, für  einen guten Service ihre Privatsphäre aufgeben zu müssen. Und andere Unternehmen, die auf unseren Plattformen ihre Ware verkaufen, sollen sich darauf verlassen können, dass sie in uns einen verlässlichen Partner haben, der seine Marktmacht  nicht zu ihren Ungunsten ausnutzt, indem man die Konditionen immer unfairer  gestaltet. 

Nur: Wenn wir das tun, heißt das noch lange nicht, dass sich andere Unternehmen zu einem ähnlichen Wertekatalog verpflichtet  fühlen. Es stellt sich aber die Frage, ob dieser in einem gewissen Rahmen nicht für jedes Unternehmen verbindlich sein sollte. Denn sollten nicht für alle dieselben Regeln gelten? Und zwar solche, die neue Technologien nicht nur  als Mittel für hohe Gewinne, mehr Effizienz und Geschwindigkeit einsetzen, sondern sie im Dienst der Menschen und der Gesellschaft sehen. Es reicht aber nicht, nur darüber zu diskutieren, ob, wie und wann das möglich ist. Deshalb haben wir vor Kurzem eine Initiative zur Corporate Digital Responsibility gestartet, mit der wir verschiedene  Player aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Medien und Zivilgesellschaft an einen Tisch holen wollen, um eine digitale, sozio-ökologische  Marktwirtschaft  voranzutreiben.  

Wir möchten den Diskurs zur Digitalisierung versachlichen, das Schüren von Ängsten und Gegeneinanderausspielen von Staat und Wirtschaft hinter uns lassen. Es geht darum, die Chancen der Digitalisierung zu heben, die Risiken zu minimieren und in diesem Rahmen unsere freiheitliche demokratische Gesellschaftsordnung  weiter voranzubringen. Es muss doch möglich sein, innovativ zu sein und sich trotzdem an sinnvollen und menschenfreundlichen Werten zu orientieren. 

Uns ist klar, dass wir das nicht allein schaffen können. Deswegen werden wir uns mit Partnern aus — wenn möglich — allen  europäischen Ländern verbinden, um einen neuen Weg einzuschlagen, an dessen Ende eine europäische Form der digitalen Marktwirtschaft stehen könnte. Es wird Zeit.