„Das waren echte Pionierzeiten“

Zum 30jährigen Jubiläum der Deutschen Einheit am 3. Oktober spricht der ehemalige Otto Group Vorstand Prof. Dr. Peer Witten über die Wendezeiten, den Aufbau des Versandzentrums Haldensleben und den Besuch von Helmut Kohl.

 
 

Herr Professor Witten, am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei. Die Deutsche Einheit war vollendet. Welche Erinnerungen haben Sie jetzt, zum 30. Jubiläum, ganz persönlich an diese Zeit?
Auch in meinem Leben zählen die bewegenden Momente der Wiedervereinigung zu den glücklichsten Stunden. Nie hätte ich die Deutsche Einheit zu meiner Lebzeit erwartet. Es war ein großartiges Ereignis, eine fantastische Möglichkeit, dass ein Volk zusammenwächst. Zu DDR-Zeiten war ich häufiger in Ost-Berlin. Als ich nach der Grenzöffnung aber zum ersten Mal nach Dresden reiste und mein Blick dort auf die Semperoper und den Zwinger fiel, ging mir einfach das Herz auf.

Sie waren zu Wendezeiten Logistik-Vorstand der Otto Group. War Ihnen in dieser Funktion unmittelbar klar: Das vereinte Deutschland müssen wir für die Otto Group nutzen?
Ja, Millionen neuer Konsumenten warteten schließlich auf Otto. Schon zu DDR-Zeiten genossen unsere Kataloge große Aufmerksamkeit. Und nach dem Mauerfall wurden sie uns dann förmlich aus der Hand gerissen. Es waren echte Pionierzeiten: Bereits in den Monaten vor der offiziellen Wiedervereinigung am 3. Oktober hat Otto alle Möglichkeiten genutzt, Waren in die DDR zu bringen. Die Mauer war gefallen, die Grenzen standen quasi offen. Aber eine offizielle Genehmigung, dass wir beliebig Waren aus dem Westen nach Osten transportieren durften, gab es noch nicht. Glücklicherweise konnten wir die Grenzer mit einfachen Ladelisten überzeugen. Man hat uns sehr großzügig behandelt.

Wie bekam die Otto Group die gewaltige zusätzliche Nachfrage in den Griff?
Anfangs mussten wir viel improvisieren. Mit unseren bestehenden Betrieben im Westen waren wir nämlich bei weitem nicht in der Lage, die Nachfragesteigerung von teilweise bis zu 50 Prozent kurzfristig zu befriedigen. Wir haben allerorten Hallen und Flächen erschlossen, ein altes Büssing-Werk in Braunschweig zum Beispiel. Der Einkauf hatte große Mühe, die Ware heranzukriegen. Es war klar, dass wir neue, große Kapazitäten schaffen mussten.

Und wie kam es schließlich zu der Idee, ein Versandzentrum in Größe von gleich 26 Fußballfeldern in Sachsen-Anhalt aufzubauen?
Angesichts der Dimensionen brauchten wir neue Versandzentren. Und es lag nahe, unseren Kunden zu folgen und in den neuen Bundesländern zu investieren. Abgesehen davon gab es hier auch die Mitarbeiter, die wir benötigten. In Hamburg herrschte diesbezüglich nämlich schon länger Knappheit. In den neuen Bundesländern bestand die große Möglichkeit, gute und qualifizierte Mitarbeiter zu finden.

Beinahe wäre das Versandzentrum allerdings in Magdeburg entstanden und nicht im benachbarten Haldensleben. Wie kam es zu dieser kurzfristigen Kehrtwende?
Wir haben uns die neu entstandene Deutschlandkarte angesehen, die großen Verkehrsachsen auf Straße, Schiene und zu Wasser, um alle Optionen der Mobilität zu prüfen. Der Raum Magdeburg, zwischen den Ballungszentren Berlin und Hamburg, schien uns besonders attraktiv. Wir haben dann mit Wirtschaftsförderern gesprochen und hatten ursprünglich tatsächlich den Flugplatz in Magdeburg im Visier. Als sich dann herumsprach, dass ein Versandhändler aus dem Westen diesen übernehmen wollte, gab es zu unserer Überraschung aber große Empörung. Gerade das wollten wir nicht und zogen uns deshalb schnell zurück. Im nahen Haldensleben aber gab es seinerzeit den sehr rührigen Bürgermeister Norbert Eichler. Er konnte uns – auch sehr kurzfristig – die nötigen Flächen zur Verfügung stellen. Es ging schließlich auch um Geschwindigkeit.

Im Herbst 1994 nahm das Versandzentrum seinen Betrieb auf. Zur Eröffnung erschien sogar der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Welche Erinnerung haben Sie an Ihre Begegnung mit dem Kanzler der Einheit?
Im Vorfeld war Kohls Besuch mit Spannung geladen, weil der im Juni gewählte SPD-Ministerpräsident Reinhard Höppner für seine Minderheitsregierung auf die Duldung der PDS angewiesen gewesen war. Das war für Kohl aus parteipolitischen Gründen natürlich ein Unding, und er wollte Höppner zunächst gar nicht treffen und ihm die Hand geben.

Am Ende erschienen beide Politiker in Haldensleben, der Bundeskanzler und der Ministerpräsident.
Beide Herren gingen letztlich gut miteinander um. Kohl war souverän wie immer. Ich erinnere mich, dass er sehr interessiert war an unserem Versandzentrum, sich auch Details zeigen ließ. Gleich zu Beginn unterbrach er mich bei meinen einführenden Worten. Ich sagte: „Herr Bundeskanzler, wenn Sie sich zwei Minuten gedulden, komme ich gerne auf Ihre Frage zurück.“

Das Versandzentrum ist bis heute ein Hightech-Betrieb, aufgebaut in der damals gerade untergegangenen, wirtschaftlich rückständigen DDR. War das für beide Seiten ein Kulturschock?
Wir waren positiv überrascht, welch hohe Leistungsbereitschaft und Qualifikation die Mitarbeiter in Sachsen-Anhalt besaßen. Und uns ist es andererseits wohl auch gelungen, mit diesem Betrieb Begeisterung bei den Mitarbeitern zu erzeugen. Viele waren stolz, bei Otto arbeiten zu können. Wir haben gemeinsam mit den Mitarbeitern von Anfang an hochmoderne Arbeitsmodelle realisiert, die ausgehend von einer garantierten Jahresarbeitszeit weitgehend flexible Einsatzzeiten der Mitarbeiter ermöglichten. Das waren damals erfolgreiche Weichenstellungen.

Bis heute ist der Betrieb „state of the art“, technologisch ganz weit vorn. Wie ist es gelungen, derart zukunftsweisend zu planen?
Wir hatten die einmalige Chance, ein Versandzentrum auf der grünen Wiese zu bauen. Das haben wir technologisch genutzt, in dem wir ganz neue Systemelemente eingeführt haben, ich denke an den Zwei-Ebenen-Sorter, den es in dieser Form noch nie auf der Welt gegeben hatte. Auch unser vollautomatisches Hochregallager war ein technologischer Leckerbissen. 1996 hat die Otto Group für ihre Logistik-Gesamtkonzeption mit Haldensleben den Deutschen Logistikpreis erhalten. Uns ging es allerdings nie darum, Ingenieursträume zu verwirklichen und Arbeitsplätze um jeden Preis durch Technik zu ersetzen. Die Technik sollte vielmehr zum Wohle der Mitarbeiter eingesetzt werden, den Menschen unterstützen. Haldensleben ist über die Jahre dann auch klug erweitert worden. Insgesamt hat Otto über alle Baustufen hinweg mehr als eine halbe Milliarde Euro in das Versandzentrum Haldensleben investiert. Gut angelegtes Geld. Auch 26 Jahre nach der Eröffnung ist Hermes Fulfilment einer der Top-Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt. Das Gesamtsystem ist bis heute flexibel, leistungsfähig und wirtschaftlich. Eine Erfolgsgeschichte also, ein absoluter Benchmark.


Zur Person
Peer Witten wurde 1945 in Bremen geboren. Gleich nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Göttingen und Hamburg und der Promotion zum Dr. rer. pol. trat er 1976 in die Dienste der Otto Group (damals noch „Otto Versand“) ein. Acht Jahre später, mit 39 Jahren, wurde er in den Konzernvorstand berufen, dem er mehr als 20 Jahre angehörte. Als damaliger Logistik-Vorstand verantwortete er u.a. auch den Aufbau des Versandzentrums Haldensleben. Seit 2005 ist Peer Witten Mitglied des Aufsichtsrats der Otto Group.

 

Teilen

 

 

Otto Group

1949 in Deutschland gegründet, ist die Otto Group heute eine weltweit agierende Handels- und Dienstleistungsgruppe mit rund 52.000 Mitarbeiter*innen in 30 wesentlichen Unternehmensgruppen und mehr als 30 Ländern Europas, Nord- und Südamerikas und Asiens. Ihre Geschäftstätigkeit erstreckt sich auf die drei Segmente Multichannel-Einzelhandel, Finanzdienstleistungen und Service. Im Geschäftsjahr 2019/20 (29. Februar) erwirtschaftete die Otto Group einen Umsatz von 14,3 Milliarden Euro. Sie gehört mit einem Onlineumsatz von rund 8,1 Milliarden Euro zu den weltweit größten Onlinehändlern. Die besondere Stärke der Gruppe liegt darin, eine breite Präsenz verschiedener Angebote an diverse Zielgruppen in fast allen relevanten Regionen der Welt zu verwirklichen. Eine Vielzahl von strategischen Partnerschaften und Joint Ventures bieten der Otto Group ausgezeichnete Voraussetzungen für Know-how-Transfer und die Nutzung von Synergiepotenzialen. Ein hohes Maß an unternehmerischer Verantwortung und Kollaborationswillen der Konzernunternehmen garantieren zugleich Flexibilität und Kundennähe sowie eine optimale Zielgruppenansprache in den jeweiligen Ländern.

Teilen