Interview

Gelungener
Generationswechsel

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Mit dem Ende des Geschäftsjahres 2025/26 ist eine Ära zu Ende gegangen: Benjamin Otto hat von seinem Vater Prof. Dr. Michael Otto die Hauptverantwortung für die Unternehmensgruppe übernommen. Im Interview verraten die beiden, warum die Otto Group ein starkes Fundament hat, welche Herausforderungen auf den Konzern zukommen, was sich verändern muss und warum die Werte weiterhin der Kompass sind.

Prof. Dr. Michael Otto, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Otto Group
Prof. Dr. Michael Otto, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Otto Group
Benjamin Otto, Vorsitzender des Gesellschafterrats der Otto Group
Benjamin Otto, Vorsitzender des Gesellschafterrats der Otto Group
© Christopher Busch

Die Otto Group ist gut für die Zukunft gerüstet.

Prof. Dr. Michael Otto, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Otto Group

Nach 55 Jahren gibt es diesen gut vorbereiteten Wechsel auf die dritte Generation der Ottos. Wie fühlen Sie beide sich damit?

Dr. Michael Otto: Ich fühle mich sehr gut, weil ich ein gutes Gefühl bei der Übergabe habe. Mit Benjamin rückt ein gestandener Unternehmer in den Vorsitz der Michael Otto Stiftung und des Gesellschafterrats, der strategisch denkt und werteorientiert handelt. Petra Scharner-Wolff als CEO hat hervorragende Führungs- und Umsetzungskompetenzen. Ich freue mich sehr, dass ich diese Topposition mit Petra besetzen konnte, weil ich Frauen in Führungspositionen immer gefördert habe. Alexander Birken als Aufsichtsratsvorsitzender hat umfangreiche Erfahrung, weiß um die Stärken und Schwächen der Otto Group und kennt die Führungsmannschaft bestens.

Benjamin Otto: Ich freue mich, mit diesem breiten und kompetenten Team an den Start zu gehen. Ganz persönlich ist es gerade eine sehr spannende Zeit für mich. Den Großteil meines beruflichen Lebens habe ich mich als Unternehmer, als Geschäftsführer und Gründer – unter anderem von About You – und als gestaltender Gesellschafter auf die Übernahme der Hauptverantwortung bei der Otto Group vorbereitet. Nun ist es so weit. Ich fühle Freude und Verantwortung zugleich – die Freude überwiegt allerdings.

Der Prozess des Generationswechsels verlief ganz offensichtlich sehr harmonisch. Wie haben Sie beide geschafft, was viele andere Familienunternehmen nicht schaffen?

Benjamin Otto: Es gab sicherlich auch Momente der Reibung und Anpassung. Die gehören jedoch zu einem Übergangsprozess dazu. Aus Reibung entsteht Energie. Und wenn man sich genug Zeit für Gespräche nimmt, wie wir es gemeinsam getan haben, kann man die Energie in eine gute Richtung lenken. Das haben wir immer gut hinbekommen.

Dr. Michael Otto: Ja, der regelmäßige Austausch war wirklich sehr zielführend. Zudem haben wir die wichtigen Entscheidungen in den vergangenen Jahren im Schulterschluss getroffen. Zugute kommt uns, dass wir die gleichen Wertvorstellungen haben.

In welchem Zustand befindet sich die Otto Group aus Ihrer beider Sicht?

Benjamin Otto: Mein Großvater hat mit der Vision des Versands von Schuhen, werteorientiertem Handeln und Weitblick die Basis geschaffen. Mein Vater hat aus einem mittelständischen deutschen Versandhändler eine international agierende und diversifizierte Handels- und Dienstleistungsgruppe gemacht. Der Wettbewerb hat massiv zugenommen und das Umfeld wird immer volatiler. Sowohl die wirtschaftlichen und politischen als auch die gesellschaftlichen Systeme stehen gerade auf dem Prüfstand. Hinzu kommt der evolutionäre Technologiesprung, den die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz möglich macht, aber eben auch erfordert, um im Wettbewerb nachhaltig bestehen zu können. Es ist großartig, dass sich die Otto Group in diesem Umfeld behaupten kann. Sie muss sich aber auch immer wieder anpassen und neu erfinden. In einer solchen tiefen Transformationsphase befinden wir uns gerade. Mein Ziel ist es, dass dieser Konzern auch in Zukunft auf einem stabilen wirtschaftlichen, werteorientierten Fundament steht und eine Vorreiterrolle im Technologiebereich entwickelt.

Dr. Michael Otto: Die Otto Group hat ein starkes Fundament und finanziell eine gesunde Basis, ist digital ganz vorne dabei und bei allen Verbesserungsnotwendigkeiten gut für die Zukunft gerüstet. Auf jeden Fall stehen wir auch in schwierigen Zeiten zu unseren Werten. Gerade im E-Commerce ist die digitale Entwicklung entscheidend – und da sind wir im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) wirklich gut aufgestellt, um die künftigen Herausforderungen anzunehmen. Das gleiche gilt für den Einsatz und die Anwendung der Robotik in der Logistik.

Was sind die größten Herausforderungen, vor denen die Otto Group in den kommenden zehn bis 15 Jahren steht?

Dr. Michael Otto: Eine große Herausforderung ist sicher die permanente Veränderung des wirtschaftlichen und politischen Umfelds, hier insbesondere der internationalen Handelsregeln, nicht nur durch sich verändernde Zölle, sondern auch durch nicht-tarifäre Handelshemmnisse. Wichtig sind auch faire Wettbewerbsbedingungen. Weiterhin müssen wir uns auf große Investitionen in Technologie und insbesondere AI einstellen, um im Wettbewerb mithalten zu können.

Benjamin Otto: Durch die rasanten technologischen Entwicklungen, insbesondere AI, wird sich die Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft maßgeblich verändern – stärker noch als durch das Aufkommen des Internets. Es wird darauf ankommen, dass die Otto Group ihre Anpassungsfähigkeit weiter stärkt und noch resilienter wird. Das gilt für alle Dimensionen, die in einem Konzern betrachtet werden müssen – seien es Mitarbeitende, Technologien und Finanzen. Das wird herausfordernd, birgt aber auch riesige Chancen, die wir auch jetzt schon zukunftsorientiert ergreifen, zum Beispiel in den Bereichen Gen AI und Agentic Commerce.

Benjamin, mit Blick darauf, wie Dein Vater die Otto Group geprägt hat: Was von dem nimmst Du mit in die Zukunft? Und wo willst und wirst Du bewusst neue Akzente setzen?

Benjamin Otto: Meinem Vater ist es gelungen, die Otto Group zu einem besonderen Ort zu machen – einem Unternehmen, für das man gerne arbeitet. Dieses Geheimrezept ist schwer zu beschreiben, aber es hat sicherlich viel mit Respekt und Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden, Geschäftspartner*innen, Kund*innen und weiteren Beteiligten zu tun – und sicherlich auch mit Vertrauen. Diese Kultur des Vertrauens möchte ich weiterführen, aber natürlich auch eigene Impulse setzen. Mir geht es stark um das Entfalten individueller Potenziale und die Kraft der Gemeinschaft, die in meinen Augen Berge versetzen kann.

Die Otto Group soll eine Vorreiterrolle im Technologiebereich entwickeln.

Benjamin Otto, Vorsitzender des Gesellschafterrats der Otto Group

Sie haben beide vor zehn Jahren gemeinsam einen Kulturwandel in der Otto Group ausgerufen und umgesetzt. Was hat dieser Wandel gebracht und was braucht es für eine Performance Culture in Zeiten von KI?

Dr. Michael Otto: Wir haben unsere Unternehmensgruppe ganz stark vom hierarchischen Denken zur Teamarbeit, vom Silodenken zum bereichsübergreifenden Handeln entwickelt, verbunden mit Offenheit, Wertschätzung und einer konstruktiven Fehlerkultur. Das ist ganz wichtig, um eine hohe Agilität zu erhalten – als entscheidendes Kriterium im digitalen Zeitalter. Voraussetzungen für alles sind natürlich eine hohe Leistungsbereitschaft, ein lebenslanges Lernen und dass die Arbeit Freude macht.

Benjamin Otto: Der Kulturwandel 4.0 hat dem Konzern eine gute Basis geschaffen, auf der Wandel erst möglich wurde. Aus meiner Sicht sollten wir den Kulturwandel neu beleben. In Zeiten von starker Technologisierung – insbesondere AI – geht es vor allem darum, wie wir die Mensch-Maschine-Beziehung gestalten. Dafür nehmen ethische Rahmenbedingungen und Werte eine besondere Stellung ein. Sie können als Leitfaden dienen, wie AI sinnvoll und zum Nutzen der Mitarbeitenden eingesetzt werden kann. Auf der anderen Seite vermitteln sie die Grundlagen, auf denen eine Performance Culture entstehen kann. Denn Performance entsteht durch die fokussierte Ausrichtung von Ressourcen und durch den Willen, an sich und dem Unternehmen intensiv zu arbeiten.

Herr Dr. Otto, Sie werden sich in Zukunft vor allem um Ihre diversen Stiftungen kümmern?

Dr. Michael Otto: Angesichts der gewaltigen Herausforderungen möchte ich mit meinen Stiftungen im Umwelt-, Nachhaltigkeits- und Demokratiebereich Impulse geben. Auch möchte ich mich weiter für die Weiterentwicklung der Hamburg Sustainability Conference (HSC) sowie für Jugend, Bildung und Kultur in Hamburg einsetzen.

Was raten und was wünschen Sie sich gegenseitig am meisten?

Benjamin Otto: Ich wünsche meinem Vater, dass er seine großen Errungenschaften nun genießen kann und seine Zeit für Dinge einsetzt, die ihn weiterhin erfüllen und glücklich machen.

Dr. Michael Otto: Und ich wünsche Benjamin leistungsbereite und hochmotivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Otto Group, stets eine glückliche Hand bei seinen Entscheidungen und Freude an seiner Aufgabe.

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