„Wir müssen noch mehr auf die Hochschulen schauen“ │ Startup-Experte über Schwachstellen im deutschen Gründungssystem
05
11

„Wir müssen noch mehr auf die Hochschulen schauen“ │ Startup-Experte über Schwachstellen im deutschen Gründungssystem

05/11/2020

Der Transfer von akademischer Forschung in die Märkte hinein sei ein unterschätztes Thema in unserem Land, sagt Startup-Experte Christian Miele, und spricht damit eine von mehreren Barrieren an, mit denen gerade junge Gründer gegenwärtig noch zu kämpfen haben. Warum das Sprengen disziplinarischer Grenzen so wichtig für eine sich digitalisierende Gesellschaft ist, macht er im Gespräch mit uns deutlich.

Mit der Initiative ZukunftsWerte will die Otto Group einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs über die Verantwortung von Unternehmen in Zeiten des digitalen Wandels leisten − auch unter Berück­sichtigung der Auswirkungen der Corona-Krise. Ziel ist es, gemeinsam mit anderen Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft die richtigen Fragen zu stellen, mögliche Lösungen zu diskutieren und am Ende im Schulter­schluss konkrete Handlungs­optionen zu entwickeln. Einer dieser Akteure ist Christian Miele,  Partner Wagniskapitalgesellschaft e.ventures und ehrenamtlicher Präsident  des Bundesverbands Deutsche Startups. Der Gründungsexperte mit traditionsreichem Namen steht für eine neue Generation von Unternehmer*innen, deren Anspruch unter anderem ist, etablierte Industrien mit neuen, werthaltigen Geschäftsmodellen zu vitalisieren. Dabei aber nicht immer auf optimale Rahmenbedingungen trifft.

Christian, Welche Unterstützung sollte man hinsichtlich des Aufbaus digitaler Geschäftsmodelle von Politik und Gesellschaft einfordern?

Christian Miele: „Was die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Startups in Deutschland angeht, hat der Startup-Verband bereits zu Beginn dieses Jahres zwei Schwerpunktthemen auf die Agenda gesetzt, die die beiden wichtigsten Faktoren für den Erfolg eines Startups abdecken. Talent und Kapital. Im Bereich Talent müssen wir schnellstens international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für Mitarbeiterbeteiligungen schaffen, damit wir attraktiv für Talente aus aller Welt bleiben. Die Bundesregierung ist gerade dabei, dieses Problem zu lösen. Im Bereich Wagniskapital haben wir in Deutschland insbesondere beim Wachstumskapital, wenn es also um sehr große Finanzierungsrunden geht, noch einen Aufholbedarf im Vergleich zu der USA oder Teilen Asiens. Wir müssen es schaffen, dass sich deutsche und europäische Versicherungen und Pensionsfonds stärker in diesem Bereich engagieren. Auch hier arbeitet die Bundesregierung derzeit an einem Dachfonds-Konzept, das, wenn es richtig ausgestaltet ist, den deutschen Startups einen immensen Schub verleihen könnte.“

Christian Miele

Christian Miele

Welche Rollen spielen Startups für die deutsche und europäische Wirtschaft? Können sie eine tragende Säule werden? Was bedarf es dafür?

Christian Miele: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Startups, gemeinsam mit den insbesondere in Deutschland so wichtigen Mittelständlern und Familienunternehmen, der Garant für unsere zukünftige Wettbewerbsfähigkeit sind. Startups sind die Unternehmen, die den Märkten neue Technologien schnell und unkompliziert zur Verfügung stellen. Start- und Scaleups sind außerdem echte Jobmaschinen. Sie ernähren ganze Ökosysteme von Dienstleistern und Partnern. Sie liefern Talente und Technologien, die den beschäftigungsstarken Industrien in Deutschland ihre globale Wettbewerbsfähigkeit sichern. Und sie arbeiten an der europäischen Unabhängigkeit von den digitalen Giganten der USA und China.“

Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft: Inwieweit sollten Forschung und Lehre in diesem Bereich von der Wirtschaft finanziert werden dürfen?

Christian Miele: „Hochschulen sind auch Talent-Pools und aus dieser Perspektive unerlässlich für ein erfolgreiches Startup-Ökosystem, aber es gibt noch einen anderen Grund, weshalb wir noch mehr auf die Hochschulen schauen müssen. Der Transfer von Forschung in die Märkte hinein ist ein unterschätztes Thema. Wir haben in Deutschland Spitzenforschung, schaffen es aber leider immer noch viel zu selten, dass aus dieser Spitzenforschung erfolgreiche Hochschul-Spin-Offs werden. Genau hier brauchen wir engere Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Wissenschaft ist oft überfordert aus sich heraus Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte zu verwandeln. Etablierte Wirtschaft aber auch Startups müssen hier noch stärker integriert und herangezogen werden. Hier schlummert ein riesiges Potenzial für den Technologiestandort Deutschland.“


podcast-tipp

Podcast-Tipp Miele Otto

„Auch Familienunternehmen müssen sich immer wieder neu erfinden.“ Otto Group Aufsichtsratsvorsitzender Prof. Dr. Michael Otto spricht mit Christian Miele für den Podcast "Tech-Briefing" über digitale Transformation, was Familienunternehmen von Start-ups lernen können (und umgekehrt), ein Umdenken von Kunden und Unternehmern zur Corona-Zeit und wie er Europa zwischen USA und China positioniert sieht.

Zum Podcast >>

Redaktion ottogroupunterwegs
 
Kommentar schreiben
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Hinweis

Wir freuen uns über Ihre Kommentare in diesem Blog. Die Redaktion behält sich jedoch vor, Beiträge nachträglich zu löschen, sollten diese gegen die Kommentarrichtlinien verstoßen. Dies gilt insbesondere für solche Beiträge, die rechtswidrige Inhalte, Werbung für Dritte, Spam oder Beleidigungen enthalten oder in anderer Form unsachgemäß sind.

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen