Kontroverse um das Klima beim Einkaufen
Kontroverse um das Klima beim Einkaufen
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Kontroverse um das Klima beim Einkaufen

24/11/2020

Ein Bericht in der renommierten ARD-Wirtschaftssendung „Börse vor acht“ vom Freitag (20.11.2020) ließ in den Sozialen Medien eine alte Kontroverse aufbrechen: Ist der Kauf bei Amazon, Otto und Co. umweltbelastender als der Einkauf in der Innenstadt, im Baumarkt oder Möbelhaus? Die ARD-Wirtschaftsexpertin Anja Kohl zitierte das berühmte Öko-Institut mit der These, dass der Einkauf stationär dreimal umweltschädlicher sei als online – doch die Wahrheit liegt jenseits populärer Vorurteile.

Es war eigentlich ein Bericht, der mit den steigenden Paketvolumina von DHL begann. Doch mittendrin stellte Anja Kohl in der ARD-Sendung „Börse vor acht“ plötzlich die Frage, die Millionen von Verbrauchern derzeit umtreibt: Was ist klimafreundlicher? Der Kauf im Onlinehandel oder im Laden? Anja Kohl sagte, dass sich am „Onlinehandel die Geister scheiden“ und präsentierte eine Grafik, die das gängige Urteil, der Onlinehandel sei umweltschädlicher, ins Gegenteil verkehrt. Am Beispiel eines Schuhkaufs hätte das Öko-Institut in Freiburg festgestellt, dass der Kauf im Ladengeschäft drei Mal so umweltschädlich sei wie der Kauf online. Prompt tobte am Wochenende eine Diskussion in den Sozialen Netzwerken. Handelsprofessor Gerrit Heinemann etwa twitterte: „Erst COVID-19, jetzt auch noch Klimakiller – für stationäre Händler kommt es derzeit knüppeldick“.


Dabei gibt es längst wissenschaftlich recht fundierte Daten über die Ökobilanz des Onlinehandels im Vergleich zum stationären Einzelhandel. Kernergebnis: Im Durchschnitt schneiden weder der Onlinehandel noch der Stationärhandel besonders gut oder schlecht ab. Aber ja: Der Transport von Waren vom Händler zum Kunden ist beim Onlinehandel durchschnittlich effizienter und emittiert dadurch weniger klimaschädliche Gase – selbst unter Einbeziehung der Retouren, die beim Paketversand den Handel prägen.

Zum ersten Mal hat das eine Studie des sehr angesehenen Deutschen Clean Tech Instituts (DCTI) vor fünf Jahren herausgearbeitet. „Klimafreundlich einkaufen – eine vergleichende Betrachtung von Onlinehandel und stationärem Einzelhandel“ hieß die im Auftrag der Otto Group und Hermes gestartete Studie. Ergebnis: Der Onlinehandel belastet das Klima nicht mehr als der stationäre Handel. Trotz Retouren und teilweise mehrmaliger Anfahrt durch den Paketzusteller können Kunden guten Gewissens online einkaufen.

Ein Artikel, der online bestellt worden ist, verursacht im Durchschnitt sogar weniger CO2-Emissionen, als wenn die Käufer dasselbe Produkt im stationären Einzelhandel erwerben würden. Untersucht wurden dabei die Transportwege der Produkte vom Zentrallager zum Kunden unter Berücksichtigung unterschiedlicher Käufertypen, die bestimmte Lebens- und Einkommenssituationen haben und sich unterschiedlich verhalten. Die Studie basiert auf der repräsentativen Befragung von 1.000 Kunden und berücksichtigt erstmals das Kundenverhalten.

Das positive Ergebnis für den Onlinehandel ergibt sich vor allem durch den verdichteten Transport der Sendungen durch die Paketdienste, die je Anfahrt immer mehrere Kunden beliefern. Die CO2-Bilanz dieser gebündelten Verkehre ist damit der individuellen Anfahrt vieler Kunden mit dem PKW in die Innenstadt oder in Fachmärkte deutlich überlegen.

Dieses Ergebnis wurde wissenschaftlich in den vergangenen Jahren nicht falsifiziert, im Gegenteil. So kam zuletzt eine Studie des Instituts für Supply Chain Management der Universität St. Gallen in der Schweiz ebenfalls zu dem Ergebnis, dass der Online-Einkauf nicht unbedingt schädlicher für das Klima ist als der Einkauf im stationären Handel. Die wichtigste Erkenntnis dabei war, dass über die beiden Optionen kein generelles Urteil gefällt werden kann. Wichtig: Die bisher vorliegenden Studien beziehen sich stets auf die Emissionen durch den Transport der Waren bis nach Hause. Nicht berücksichtigt sind beim Onlinehandel die Emissionen , die durch die Produktion von Verpackungen entstehen. Andererseits sind beim stationären Einzelhandel die CO2-Belastungen durch den Bau und den Betrieb von Einzelhandelsgeschäften nicht berücksichtigt.

Insgesamt betrachtet, fordern die Studien die Bürger auf, durch ihr Verhalten die CO2-Belastung zu minimieren. Beim Onlinehandel etwa durch Bündelung der Bestellungen, Reduzierung von Retouren oder auch Lieferung an PaketShops, um Mehrfachanfahrten durch den Zusteller zu vermeiden . Beim Stationärhandel durch eine bessere Planung und Bündelung des Einkaufs sowie eine bewusstere Verkehrsmittelwahl. Dass eine signifikante Reduzierung der Retouren durch ein bewussteres Bestellverhalten der Konsumenten durchaus machbar ist, zeigen Untersuchungen während des Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie. Und so steht am Ende der Abwägung Onlinehandel versus stationärer Einzelhandel nicht nur die Frage, ob man bei der Fahrt in die Stadt das Fahrrad benutzt hat und dafür vielleicht weniger retourniert bzw. wie viel Meter das Produkt überhaupt zurückgelegt hat, bis es im Schrank des Konsumenten landet, sondern vor allem auch die Frage: Brauche ich diesen Artikel überhaupt? Wie langlebig soll er sein und wie viel mehr ist mir ein Mehr an Qualität - auch in Bezug auf die Klimabilanz - am Ende Wert?


Mit dem DCTI konnten die Otto Group und Hermes einen namhaften und glaubwürdigen Partner für die Erstellung der Studie gewinnen. Das DCTI steht für langjährige Expertise im Bereich Umwelttechnologien und Energie, fundiertes wissenschaftliches Arbeiten (Analysen, Studien und White Paper), politische Unabhängigkeit und Ideologiefreiheit sowie Unabhängigkeit von Lobbyinteressen. Zu seinen Auftraggebern zählen insbesondere Bundes- und Landesministerien. Außerdem hat das Öko-Institut das methodische Vorgehen, die Annahmen und Berechnungen der DCTI-Studie 2015 einer kritischen Prüfung unterzogen.

Redaktion ottogroupunterwegs
 
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