FuckUps: Pflastersteine des Erfolgs
FuckUps: Pflastersteine des Erfolgs
03
12

FuckUps: Pflastersteine des Erfolgs

03/12/2019

Heldengeschichten beginnen oft mit einer Geschichte des Scheiterns – auch deshalb feiert die Otto Group in regelmäßigen Abständen so genannte "FuckUp-Nights". Kolleg*innen sprechen offen und ehrlich über ihre größten Fails im Job. Und damit sind sie lange nicht alleine. Eine Geschichte grober Fehler und noch größerer Erfolge.

Die Schönheit des Fehlers genauer zu betrachten und zu genießen, erlauben sich Menschen vor allem in der Kunst wie etwa der GlitchArt. Diese beschäftigt sich mit Systemfehlern und hält in ihren Bildern unter anderem Fehler im Programmcode fest, die sich in verzerrten Farbverläufen äußern. Es entstehen faszinierende Kunstwerke, die willkürlich und strukturiert zugleich erscheinen.

Wenn wir aber die Kunst verlassen und in den Arbeitsalltag blicken, verlässt uns auch der Mut. Hier herrscht zu oft das Diktat des Perfektionismus. Auf den ersten Blick erscheinen doch vor allem die erfolgreich, die keine Fehler machen. Oder erzählen sie uns nur nicht von diesen Fehlern? Wahrscheinlich.

Es wird Zeit, dass wir aufhören, perfekt sein zu wollen. Perfektion existiere nicht, sagt selbst Fashion-Ikone und Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour. Sie verlor ihren Job bei Harper’s Bazaar, als ein Fotoshoot nicht dem Geschmack der Chefredaktion entsprach – zu edgy, so wird erzählt. Der Rausschmiss sei eine ihrer besten Erfahrungen gewesen und zeige, nichts ist perfekt, berichtet Wintour auf einer Fashion-Konferenz. Im Buch Winners: And How They Succeed empfiehlt sie sogar: „Jeder sollte einmal in seiner Karriere gefeuert werden.“

Es braucht Mut, Fehler einzugestehen, sie schnell zu berichtigen und persönliche Niederlagen in etwas Positives zu verwandeln. Darum veranstaltet die Otto Group regelmäßig die FuckUp Night, auf der Kolleg*innen ihre persönlichen FuckUps erzählen und wir gemeinsam diskutieren, wie der Umgang in Unternehmen mit Fehlern so gestaltet werden kann, dass wir offen, transparent und lösungsorientiert damit umgehen, statt eine Kultur der Angst und des Perfektionismus zu fördern. Denn jeder macht Fehler – wie auch dieses Best of von legendären FuckUp-Geschichten beweist:

Von Teenager-Nerds zu Milliardären

Mitte der 1960er suchen sich zwei High-School-Teens ein ungewöhnliches Hobby. Sie wollen die Auswertung von Verkehrsdaten vereinfachen und die so generierten Berichte Verkehrsingenieuren zur Verfügung stellen. Damit ließe sich der Straßenverkehr besser lenken, Ampelschaltungen optimieren und Stau vermeiden. Was nach einem Projekt zweier Computerclub-Nerds klingt, entpuppt sich als kluge Geschäftsidee zweier künftiger Milliardäre. Denn zu dieser Zeit werden die Werte der US-amerikanischen Verkehrszählanlagen nur mechanisch erfasst und noch nicht öffentlich zur Verfügung gestellt. Und so gründen Bill Gates und Paul Allen noch auf der High-School ihre erste gemeinsame Firma Traf-O-Data. Mit Unterstützung von Freunden und dem Ingenieurstudenten Paul Gilbert entwickeln sie ihren ersten Mikroprozessor, den Traf-O-Data 8008, der auf einem Intel Prozessor basierte und die Informationen der Verkehrszähler lesen und auswerten konnte.

Wo bleibt der FuckUp dieser Geschichte? Als der erste Kunde, die Stadt Seattle, die Demo-Version des Programms sehen möchte, stürzt das Programm ab und auch anschließend nimmt das Unternehmen nicht an Fahrt auf. Denn kurze Zeit nach dem Launch stellen die amerikanischen Bundesstaaten die Verkehrsberichte kostenlos zur Verfügung und die Marktlücke schloss sich. Bill Gates und Paul Allen betrachten beide Traf-O-Data als einen Flop, aus dem sie viel gelernt haben. Sie haben ihre Leidenschaft für Programmierung entdeckt und das Geschäftspotenzial von Digitalisierung erlebt. Sie haben gelernt, Software zu schreiben, und knüpen kurze Zeit später mit dem Software-Unternehmen "Micro-Soft" an ihre Schulzeit an. Und laut Paul Allen hat es auch einfach sehr viel Spaß gemacht.

Traf-O-Data 8008
Traf-O-Data 8008

Swtpc6800 en:User:Swtpc6800 Michael Holley, Traf-O-Data Computer, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Der Fokussierte

Die zündende Idee war da, doch war sich Evan Williams dessen nicht unbedingt bewusst. Als der Internet-Unternehmer an seiner Plattform Odeo arbeitet, ist er fest davon überzeugt, dass er damit erfolgreich sein wird. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Biz Stone will er die führende Podcast-Company launchen, die alle Services um das Thema Podcast aus einer Hand anbietet: Software, um Podcasts zu produzieren, eine Directory für Empfehlungen und Entdeckungen, Software, um die Podcast runterzuladen.

Heutzutage sind Podcasts aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken, aber keiner verbindet sie mit Odeo. Die Lösungen von Odeo waren nicht gut genug, räumt Evan Williams in einem Artikel des Online-Magazins „Inc“ ein - und dann war da noch Apple. Der Konzern launchte kurz nach dem Start von Odeo ebenfalls sein Podcast-Angebot auf iTunes. Das bedeutete das Aus von Odeo.  Erfolgreich wurde Williams dennoch. Nicht Odeo war die zündende Idee, sondern der Micro-Blogging-Dienst Twitter, ein Nebenprojekt der Odeo-Entwicklungsabteilung.

Erst sollte Twitter auch eine Art soziales Netzwerk werden, das vor allem kurze persönliche Updates ermöglicht. Doch das Team um Williams und seine Mitgründer fokussierte noch einmal den Kern der Idee und entschied, dass Twitter kein weiteres Social Network werden soll, sondern ein Informationsnetzwerk. Das war der entscheidende und erfolgsbringende Dreh im Konzept, der die gesamte Strategie und die Programmierung fortan prägte und den Erfolg heute ausmacht.

Odeo ist nur ein Fail von Williams. Seine Lehre aus den Fehlern seiner Karriere gibt er jedem Gründer mit: „Do less things“ – Mach weniger Dinge, fokussiere Dich. Wenn man versucht, alles selbst zu machen, werden die Projekte oft oberflächlich fertiggestellt. Wer mit Herz ein Projekt verfolgt, kann die schweren Probleme lösen und bietet die bessere Lösung.

Vom Rauswurf zur Ikone

Bevor er zur Ikone des Silicon Valley und zum weltweiten Tech-Guru aufsteigt, scheitert er erst einmal. Der FuckUp, der Steve Jobs seinen Chefposten kostete, bestand in dem Launch des Computers „Lisa“, dem ersten Personal Computer mit grafischer Benutzeroberfläche und Bedienung per Maus. Der Computer stellte sich mit einem Preis von rund 9.995 US-Dollar als viel zu teuer heraus und floppte. Ob der Apple „Lisa“ ein echter FuckUp war oder wegweisend, darüber gibt es sicherlich Grundsatzdiskussionen. Allerdings waren schlechte Verkaufszahlen, Entlassungen und ein interner Machtkampf die Folge. Dies endete darin, dass Steve Jobs 1984 aus seiner selbst gegründeten Firma flog.

Die Entlassung empfand Steve Jobs im Nachhinein als Befreiung vom Erfolgsdruck und als Reboot. Er konnte noch einmal neu anfangen. Die nächsten fünf Jahre sollten zu den kreativsten seiner Karriere werden. In diesen feierte er sein Comeback mit der Gründung von NeXT, einem Unternehmen, das wegweisende Computer-Technologie produzierte. Tim Berners-Lee entwickelte etwa das World Wide Web auf einer sogenannten NeXt Workstation. Parallel kaufte Steve Jobs mit Edwin Catmull die Computertrickfilm-Abteilung von Lucas Film und gründete Pixar.

Schließlich kehrt Steve Jobs knapp zehn Jahre nach seiner Entlassung zu Apple zurück, als Apple NeXT 1996 aufkauft und ihn als Berater einstellt. Ein Jahr später wird er Mitglied des Vorstands und Geschäftsführer. Es folgen die großen Jahre des Steve Jobs mit Produktinnovationen wie dem iPhone und dem iPad, die unsere Lebenswelt komplett verändern sollten.

Der unermüdliche Erfinder

Nick Woodman
Nick Woodman

Nicholas Woodman ist ein kalifornischer Surfer-Sunnyboy, der sich einen Traum erfüllt hat. Er hat eine Kamera entwickelt, die klein, wasserdicht und leicht zu handhaben ist. Sie findet selbst auf einem Surfboard Platz, um die besten Surfstunts des Tages festzuhalten. Das war sein Ziel und Nicholas Woodman hat es mehr als erfüllt. Seine GoPro-Serie hatte schlagartig Erfolg – auch jenseits der Surfszene.

Der Erfolg wirkt wie vorherbestimmt, doch Woodman hat zu diesem Zeitpunkt schon einige Fails hinter sich. Er baut den Web-Shop EmpowerAll.com auf, um günstige Elektrogeräte unter zwei Dollar zu verticken. Seine erste Pleite. Er gründet die Marketing- und Spieleplattform FunBug. Obwohl der Amerikaner hier einige Millionen US-Dollar von Investoren einholen kann, scheitert er daran, eine solide Kundenbasis aufzubauen, und muss FunBug ebenfalls aufgeben. Mit dieser Pleite landet er auf der Liste der bekanntesten FuckUp in Silicon Valley, die auch auf der mittlerweile eingestellten f**ckedcompany.com Website dokumentiert wurden. Von diesem Fail muss sich Woodman erst einmal erholen. Er geht auf einen Surftrip und bastelt wieder an seinem Hobby, einem Sportarmband mit Kamera. Der Rest ist Geschichte: die erste GoPro kommt 2005 auf den Markt. Mit dem Verkauf von Anteilen an den taiwanischen Elektronikkonzern Foxconn in 2012 wird Woodman schließlich zum Milliardär.

Doch die Erfolgsgeschichte lässt sich noch nicht abschließen. Eine gewisse „Trail & Error“-Systematik bestimmt auch die vergangenen Jahre des GoPro-Gründers. Woodman verkalkuliert sich bei den Preisen und bietet alte sowie neue Kameras zu gleichen Preisen an. Er bringt nicht jedes Jahr eine neue Kamera raus. Er experimentiert mit Drohnen. Alles Fehler, wie er im Interview mit dem Magazin „Stern“ einräumt. Die Verkaufszahlen gehen 2015 und 2017 massiv zurück. Das Unternehmen befindet sich in einer Krise. Aber Woodman lässt sich nicht beirren und zieht aus den FuckUps seine Lehre: Konzentriere Dich auf das Produkt und dessen stetige Fortentwicklung. Verkaufe neue Produkte nicht zum Preis vom Vorgängermodell. Und höre darauf, was der Kunde sich von GoPro wünscht. Der Launch der neuen GoPro Hero8 vor einigen Wochen bestätigt, dass die Strategie durchaus richtig ist. Es ist der beste Verkaufsstart in der Geschichte des Unternehmens.

was lernen wir?

Heldengeschichten starten klassisch mit einem FuckUp. Schließlich muss der Held sich erst beweisen. Was wir uns jedoch fragen, wo sind die Heldinnen. Kennt Ihr aktuelle, tolle FuckUp-Geschichten von Frauen und jenseits des Silicon Valley? Das müssen wir noch einmal vertiefend recherchieren. Unser kleiner, eigener FuckUp, den wir bis zur nächsten FuckUp-Night beheben. 

Bis dahin erst einmal unsere FuckUp-Helden der Otto Group:

Redaktion ottogroupunterwegs
 
Kommentar schreiben
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Hinweis

Wir freuen uns über Ihre Kommentare in diesem Blog. Die Redaktion behält sich jedoch vor, Beiträge nachträglich zu löschen, sollten diese gegen die Kommentarrichtlinien verstoßen. Dies gilt insbesondere für solche Beiträge, die rechtswidrige Inhalte, Werbung für Dritte, Spam oder Beleidigungen enthalten oder in anderer Form unsachgemäß sind.

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen