Corona als Chance für das Klima
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Corona als Chance für das Klima

08/07/2020

Das Coronavirus verändert unser Leben nachhaltig. Plötzlich gelten neue Regeln im gesellschaftlichen Miteinander und auch in unserer eigenen Privatheit haben wir uns auf neue Prinzipien und Gewohnheiten – und zum Teil auch auf neue Werte – geeinigt. Lange Zeit galt „The new Normal“ als das Bonmot der Stunde. Wie manifestiert sich diese neue Normalität? Wie radikal sind die Veränderungen? Vor allem aber: Bleibt das jetzt für immer so? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen wir uns an dieser Stelle seit einigen Wochen. Thema heute: Klima.

Es geht. Ein Umdenken, Neu-Erfinden, Anders-Handeln innerhalb der Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ist in kürzester Zeit möglich. Das haben die vergangenen Monate deutlich gemacht. Menschen können ihr Verhalten verändern, um gemeinsam gesellschaftliche Ziele zu erreichen und um aufeinander Rücksicht zu nehmen. Und: Sie können sich reduzieren, verzichten. Home Office ist machbar; Urlaub im Garten ebenfalls. Digitale Konferenzen und Konzerte besuchen oder virtuelle Dinner mit Freund*innen genießen, das alles ist kein Gedankenspiel mehr. Es ist Wirklichkeit.

Wirklichkeit ist auch, dass durch die starken Einschränkungen im öffentlichen Leben die Weltgemeinschaft einen Augenblick nachhaltiger lebt:

1. CO2-Emissionen sinken

CO2-EMISSIONEN SINKEN

In der Studie „Auswirkungen der Corona-Krise auf die Klimabilanz Deutschlands – Eine Abschätzung der Emissionen 2020“ hat das Denklabor Agora Energiewende eine Hochrechnung für CO2-Emissionen in 2020 vorgestellt. In den Wirtschaftssektoren Industrie, Energie und Verkehr ist ein deutlicher Rückgang aufgrund der Corona-Beschränkungen zu verzeichnen. Allein die Industrie könnte in 2020 zehn bis 25 Millionen Tonnen weniger CO2 ausstoßen als sonst.

Berücksichtigt man weitere Faktoren wie etwa den milden Winter, dann ist es möglich, dass Deutschland insgesamt 50 bis 120 Millionen Tonnen CO2 im Vergleich zu 2019 einspart, 30 bis 100 Millionen Tonnen CO2-Minderung wären dabei dem „Corona-Effekt“ zuzurechnen. Dieser Corona-Effekt könnte dazu beitragen, dass Deutschland sein Klimaziel für 2020 einhält und in diesem Jahr die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um mindestens 40 Prozent reduziert.

2. Luftqualität in den Städten wird besser

Luftqualität

Laut einer Analyse des Umweltbundesamtes haben in 2019 nur noch 25 deutsche Städte den Luftqualitätsgrenzwert geknackt und mehr als 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) pro Kubikmeter Stadtluft (µg/m³) im Jahresmittel gemessen. In 2018 waren es noch 57 Städte. Für 2020 lässt sich bereits jetzt beobachten, dass aufgrund der Corona-Beschränkungen an einigen Orten die NO2-Belastungen zeitweise um bis zu 40 Prozent zurückgehen könnten. Ob sich die Luftqualität im Durchschnitt noch einmal insgesamt verbessert, bleibt aber offen.

3. RENAISSANCE DES RADS

RENAISSANCE DES RADS

Radeln ist wie mit dem Cabrio fahren nur mit höherem Kalorienverbrauch und besserer Klimabilanz. E-motorisiert gestalten sich selbst weitere Strecke mit dem Velo recht elegant. Das sind zwei vieler Gründe, warum immer mehr Menschen in die Pedale treten und Fahrradhändler ebenso wie Hersteller starke Umsatzgewinne in 2019 verbuchen konnten. Laut einer Umfrage der Fachmedien Radmarkt, SAZbike und velobiz.de sowie der Verbände BVZF, VSF und ZIV erwarten zwei Drittel der Fachhändler (67 Prozent) in 2020 einen Umsatz auf Vorjahresniveau oder sogar darüber − und das trotz der Umsatzeinbußen im März und April, als die Geschäfte geschlossen werden mussten. Bei Wiedereröffnung erlebte die Branche einen kurzzeitigen Extra-Boom. Denn viele, die sonst öffentliche Verkehrsmittel nutzen, bevorzugen in der Pandemie das Fahrrad. 

Größter Konkurrent ist und bleibt aber das Auto: Aus Angst vor Ansteckungen im zu Stoßzeiten teilweise überfüllten ÖPNV, gewinnt der Pkw an Relevanz. Oder um es mit den Worten der Analysten des Meinungsforschungsinstituts infas zu sagen: „Unter den 'oberen Zehntausend' fährt gegenwärtig so gut wie niemand mehr öffentlich.“ Unwahrscheinlich, dass damit der flächendeckende Umstieg aufs Rad gemeint ist.


Das „Aber“

Diese und weitere positiven Auswirkungen der Corona-Krise auf die Umwelt werden in dieser Größenordnung erst einmal nur kurzfristig sein. Der Klimawandel lässt sich mit dieser gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Notbremsung nicht stoppen, zumal parallel diverse Rebound-Effekte einsetzen wie etwa der erhöhte Energieverbrauch, der durch den gestiegenen Datenverkehr zu erklären ist. Aber wenn schon diese Pandemie und ihre Folgen einmal mehr die Grenzen unseres Gesundheitssystems und der Weltwirtschaft aufzeigen, wenn sie gleichzeitig die globale Ungleichheit verdeutlichen, die Missstände in der Gesellschaft vor Augen führen, wenn sie Existenzen einzelner bedrohen, dann sollte doch der Weg aus der Krise in eine bessere, nachhaltigere Zukunft führen:

Das wünschen sich die Bürger*innen

Fast drei Fünftel aller Bundesbürger*innen glauben, dass die Folgen der Klima-Krise langfristig gravierender sein werden als die Auswirkungen der Corona-Krise. Zu dem Ergebnis kommt der DBU-Umweltmonitor „Nachhaltigkeit in der Corona-Krise“. Die Mehrheit der Befragten befürwortet zudem „hohe Anforderungen an die geplanten Investitionsprogramme“ der Bundesregierung. Diese sollten unter anderem den Schutz der Umwelt und des Klimas, die Reduzierung des Artensterbens und Förderung sozialer Gerechtigkeit berücksichtigen. Im aktuellen ARD-DeutschlandTrend sprechen sich 50 Prozent der Bürger*innen zudem dafür aus, dass Deutschland während der aktuellen EU-Ratspräsidentschaft sich vor allem auf Aspekte des Klimaschutzes (50 Prozent) und die Bewältigung der Corona-Folgen (39 Prozent) konzentrieren sollte.

Das fordern auch Unternehmen

Unter anderem wandten sich 68 Unternehmen aus allen Branchen in Deutschland auf Initiative der Stiftung 2° mit einem Appell an die Bundesregierung, darunter Allianz, Henkel und die Otto Group. „Wir bitten Sie, die Konjunkturprogramme klimafreundlich zu gestalten. Jetzt ist nicht die Zeit für einen Rückschritt im Klimaschutz. Es ist die Zeit, konsequent auf dem bisher Erreichten in der Klimapolitik aufzubauen,” sagte Prof. Dr. Michael Otto als Sprecher der Initiative und Gründer der Stiftung 2°. Lang- und mittelfristige Hilfsmaßnahmen sollten auf eine resiliente Wirtschaft und Gesellschaft sowie auf die Klimaneutralität einzahlen. Damit Unternehmen ihren Teil dazu beitragen, auch trotz Corona-Krise gegen die Klimakrise anzugehen, bräuchten sie verlässliche Rahmenbedingungen, heißt es im Appell. „Wir werden trotz aktuell kaum bemerkbarer Diskussionen um den Schutz von Fauna und Flora keine Zeit auf dem Weg zur CO2-Neutralität 2030 verlieren oder gar Zugeständnisse auf Kosten von Umwelt oder auch Menschenrechten machen“, bestätigte Alexander Birken, CEO der Otto Group.  Der eingeschlagene Weg zur CO2-Neutralität bis zum Jahr 2030 werde konsequent weiterverfolgt und im Herbst dieses Jahres die ambitionierte Nachhaltigkeitsstrategie konzernweit ausgerollt.

Das hat sich auch die Politik zum Ziel gesetzt

Die EU-Kommission hatte bereits im Dezember 2019 mit dem „Green Deal“ vorgeschlagen, die ökologische Transformation und damit die Dekarbonisierung der Wirtschaft mit einem Investitionspaket zu fördern. Ein wesentliches Ziel: Bis 2050 soll Europa klimaneutral sein.

Auch das Maßnahmenpaket, um die Wirtschaft nach der Corona-Krise zu stärken, soll auf Klima- und Nachhaltigkeitsziele einzahlen. Dafür hat die Kommission ein 750 Milliarden Euro starkes Wiederaufbauprogramm „Next Generation EU“ zur Diskussion gestellt. Gleichzeitig hat Deutschland in seiner EU-Ratspräsidentschaft, die am 1. Juli 2020 startete, einen Schwerpunkt auf den Klimaschutz gelegt. Ob und wie all diese Maßnahmen im Sinne der Nachhaltigkeit ausgestaltet werden, bleibt abzuwarten. Besonders interessant wird es, wenn die Unterzeichnerstaaten des Pariser Klimaabkommens in diesem Jahr ihre aktualisierten Klimapläne für 2030 vorstellen, darunter auch die EU.

Ein Dauertrend oder zeitlich begrenzt?

Als Megatrend erschüttert der Klimawandel in seiner Geschwindigkeit die dafür notwendige Bekämpfung wiederum in ihrer Langsamkeit. Es wäre ein wünschenswertes Zukunftsszenario, wenn der Mut und Wille zu einem echten nachhaltigen Wandel von der Politik befördert und gestärkt, von der Wirtschaft angestrebt und umgesetzt, von der Gesellschaft gefordert und gelebt wird.

Die Corona-Krise bietet die große Chance, diesen Weg einzuschlagen, stärker als zuvor.

Wer die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen betrachtet, der sieht, dass die Menschheit einen großen Aufgabenkatalog hat, den es zu bewältigen gilt und dass dieser nur mit einem permanenten Umformen und Wandeln einhergehen kann. Im Idealfall befinden wir uns ab jetzt in einem konstanten Wandel hin zur Nachhaltigkeit. Dies könnte einer der wirkungsvollsten, nachhaltigsten und wahrscheinlich positivsten Effekte sein, den die Covid-19-Pandemie bewirken kann.

Auf der Konferenz „Summer of Purpose“, die Ende Juni in München und online stattfand, erinnert die ehemalige irische Ministerpräsidentin und Aktivistin für Klimagerechtigkeit Mary Robinson an ein Zitat der kenianischen Friedensnobelpreisträgerin, Professorin und Umweltaktivistin Wangari Maathai, das sich auf die aktuelle Situation direkt übertragen lässt: „In the course of history, there comes a time when humanity is called to shift to a new level of consciousness, to reach a higher moral ground. A time when we have to shed our fear and give hope to each other. This time is now.“

Nantjen Küsel

 

 
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